Das Verhältnis des Menschen zum Tier ist von Widersprüchen geprägt. Wir streicheln mit der einen Hand unseren Hund, und beißen mit der anderen in die Hähnchenkeule. Wir investieren Tonnen an Geld für unsere kranke Katze und tolerieren, dass unser Stubentiger Singvögel im Garten tötet. Wir leben vegetarisch, essen aber an Mamas Geburtstag immer ihre Kohl-Rouladen, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen und den Familienfrieden zuhause zu wahren. Es gibt unzählige dieser Beispiele, in denen wir die einen Tiere den anderen vorziehen. Kommt Dir das bekannt vor?
Ich lebe vegan, habe aber zwei schon sehr betagte Katzen, denen ich täglich- wenngleich mit sehr schlechtem Gewissen- Fleisch kredenze.
Dass wir uns als „tierlieb“ bezeichnen, obwohl wir Fleisch essen und mit dem Verzehr sogenannter „Nutztiere“ kein Problem haben, habe ich seit der Lektüre des Buches „Warum wir Hunde lieben, Schwein essen und Kühe anziehen“ von der US- Soziologin Melanie Joy verstanden, die das Phänomen dort eindrücklich erklärt. Ich habe nämlich früher nie verstanden, warum einige meiner Freunde sich als sehr tierlieb bezeichnen, dennoch kein Problem haben, massenweise Fleisch zu vertilgen. Zu diesem sehr komplexen Thema wird es jedoch noch eine gesonderte Podcast-Folge geben. So viel sei immerhin jetzt schon dazu gesagt: Dass wir als Tierfreunde Fleisch essen können, ohne mit der Wimper zu zucken, hat mit Verdrängungsmechanismen und der gesellschaftlich anerkannten Norm bzw. den Mythen zu tun, die über Fleisch erzählt werden. Fleisch zu essen ist bei der Mehrheit der Bevölkerung „Normal, natürlich und notwendig“. Dieses mittlerweile von Ernährungswissenschaftlern widerlegte Trio ist in unseren Köpfen extrem eingebrannt.
Wie jedoch sieht es mit den anderen Widersprüchen aus, die vielleicht nicht so offensichtlich sind? Wie sind gegen Tierversuche, aber wenn man durch Versuche an Affen ein Mittel gegen Krebs erfinden könnte- wer wäre dann noch dagegen? Besonders dann, wenn ein Familienmitglied von der Krankheit betroffen ist? Was ist mit Reptilienhaltern, die ihrer Boa alle paar Wochen Mäuse, Ratten oder gar Kaninchen füttern?
Wie Du siehst, sind diese Fragen nicht so einfach zu beantworten. Ich denke, jeder hat ein ambivalentes und von unterschiedlichen Ausprägungen geformtes Verhältnis zum Tier, zur anderen Spezies. Wie sieht´s bei dir aus? Wie gehst du damit um? Quälen dich mal hier, mal da, Gewissensbisse? Das ist ganz normal, keine Sorge. Ich kenne diese Konflikte sehr gut.
Schlimm wird es nur dann, wenn der innerliche Konflikt nach außen bricht. Das ist sehr schön in den sozialen Netzwerken zu sehen. Da wird bei Facebook, Insta und Co schön gehetzt gegen „andere“ Gruppierungen als der, der man selbst angehört: Die bösen Veganer, völlig lustfrei und spaßbefreit. Die bösen Vegetarier, töten durch ihren Milchkonsum Kühe. Die bösen Fleischesser, die sind sowieso das Letzte... und so weiter und so fort.
Natürlich habe ich dazu eine klare Haltung: Sicher wünsche ich mir von Herzen, dass alle vegan leben- gar keine Frage...
Andererseits ist mir auch klar, dass durch „Dissen“ alleine nichts erreicht wird, sondern sich so nur die Fronten verhärten. Lass die Leute ihr Leben leben- jeder ist da auf seinem eigenen Weg... Der eine ist schneller am Ziel, der andere eben noch unterwegs. Bleib locker. Damit erreichst du mehr, als mit Druck.