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Liebe Hörerinnen und Hörer!

In der heutigen Episode hört ihr die Gedichte XV - XXI aus Rilkes Gedichtezyklus "Traumgekrönt".

XV 

Im Schoß der silberhellen Schneenacht 

dort schlummert alles weit und breit,

und nur ein ewig wildes Weh wacht

in einer Seele Einsamkeit.

Du fragst, warum die Seele schwiege,

warum sie's in die Nacht hinaus

nicht gießt? - Sie weiß, wenns ihr entstiege,

es löschte alle Sterne aus.

XVI

Abendläuten. Aus den Bergen hallt es

wieder neu zurück in immer mattern

Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern 

von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.

In den weißen Wiesenquellen hallt es

wie ein Stammeln kindischen Gebetes;

durch den schwarzen Tannenhochwald geht es

wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.

Durch die Fuge eines Wolkenspaltes

wirft der Abend rote Blutkorallen

nach den Felsenwänden. - Und sie prallen

lautlos von den Schultern des Basaltes.

XVII

Weltenweite Wandrer,

walle fort in Ruh ...

also kennt kein andrer

Menschenleid wie du.

Wenn mit lichtem Leuchten

du beginnst den Lauf,

schlägt der Schmerz die feuchten 

Auge neu dir auf.

Drinnen liegt - als riefen

sie dir zu: Versteh! - 

tief in ihren Tiefen

eine Welt voll Weh ...

Tausend Tränen reden

ewig ungestillt,

und in einer jeden 

spiegelt sich dein Bild!

XVII

Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;

doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen. - 

Weiße Wasser gehen in stillen Wiesen,

und der Abend blutet in die Buchen.

Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder

Rosen; fernere verklingt ihr Lachen ...

Und die ersten Sterne kommen wieder

und die Träume, die so traurig machen.

XIX

Vor mir liegt ein Felsenmeer,

Sträucher, halb im Schutt versunken.

Todesschreien. - Nebeltrunken

hangt der Himmel drüber her.

Nur ein matter Falter schwirrt

rastlos durch das Land, das kranke ...

Einsam, wie ein Gottgedanke

durch die Brust des Leugners irrt.

XX

Die Fenster glühten an dem stillen Haus,

der ganze Garten war voll Rosendüften.

Hoch spannte über weißen Wolkenklüften

der Abend in den unbewegten Lüften

die Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoß sich auf die Au ...

Land wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken.

Und heimlich über flüstervollen Birken

sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken

ins blasse Blau.

XXI

Es gibt so wunderweiße Nächte,

drin alle Dinge Silber sind.

Da schimmert mancher Stern so lind,

als ob er fromme Hirten brächte

zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube

bestreut, erscheinen Flur und Flut,

und in die Herzen, traumgemut,

steigt ein kapellenloser Glaube,

der leise seine Wunder tut.

Einen wunderschönen Tag wünsche ich euch allen!

Eure,

Barbara Marie-Louise Pavelka

www.barbarapavelka.at

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