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Liebe Hörerinnen und Hörer!

In der heutigen Folge bringe ich euch die letzten Gedichte des Gedichtezyklus "Traumgekrönt" von Rainer Maria Rilke. 

Ich hoffe euch in dieser schweren Zeit der Isolation etwas Freude zu bringen.

XXII

Wie eine Riesenwunderblume prangt

voll Duft die Welt, an deren Blütenspelze,

ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,

die Mainacht hangt.

Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt ...

Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,

nach Morgen, wo aus feuerroter Aster

er Sterben trinkt ...

XXIII

Wie, jegliches Gefühl vertiefend,

ein süßer Drank die Brust bewegt,

wenn sich die Mainacht, sterbetriefend,

auf mäuschenstille Plätze legt.

Da schleichst du hin auf sachter Sohle

und schwärmst zum blanken Blau hinauf,

und groß wie eine Nachtviole

geht dir die dunkle Seele auf ...

XXIV

O gäbe doch Sterne, die nicht bleichen,

wenn schon der Tag den Ost gesäumt;

von solchen Sternen ohnegleichen

hat meine Seele oft geträumt.

Von Sternen, die so milde blinken,

daß dort das Auge landen mag,

das müde ward vom Sonnetrinken

an einem goldnen Sommertag.

Und schlichen hoch ins Weltgetriebe

sich wirklich solche Sterne ein, -

sie müßten der verborgnen Liebe

und allen Dichtern heilig sein.

XXV

Mir ist so weh, so weh, als müßte

die ganze Welt in Grau vergehn,

als ob mich die Geliebte küßte

und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.

Als ob ich tot wär und im Hirne

mir dennoch wühlte wilde Qual,

weil mir vom Hügel eine Dirne

die letzte, blasse Rose stahl ...

XXVI

Matt durch der Tale Gequalmt wankt

Abend auf goldenen Schuh, - 

Falter, der träumend am Halme hängt,

weiß nichts vor Wonne zu tun.

Alles schlürft heil an der Stille sich. -

Wie da die Seele sich schwellt,

daß sie als schimmernde Hülle sich

legt um das Dunkel der Welt.

XXVII

Ein Erinnern, das ich heilig heiße,

leuchtet mir durch innerste Gemüt,

so wie Götterbildermarmorweiße

durch geweihter Haine Dämmer glüht.

Das Erinnern einstiger Seligkeiten,

das Erinnern an den toten Mai, -

Weihrauch in den weißen Händen, schreiten

meine stillen Tage dran vorbei ...

XXVIII

Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,

keinen lauten Lenz mehr mag, -

will nur einen sonnenblanken,

gipfelroten Frühherbsttag.

Will die Lust, die jubelschrille,

nicht mehr in die Brust zurück, - 

will nur Sterbestubenstille

drinnen - für mein totes Glück.

Eure,

Barbara Marie-Louise Pavelka

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