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Description

Zum Auftakt des interreligiösen Programmes "Kohäsion durch Konflikt“ des „Netzwerkes Religion & Demokratie“

Das Video der gesamten Veranstaltung ist online unter: https://youtu.be/8BEn1FoNS-Y

Shownotes:

Ich will versuchen zu beschreiben, dass das Verhältnis von Religion und Demokratie oder Religion und Politik kein Verhältnis ist, in dem es um demokratischen Ausgleich zwischen diesen beiden Kräften geht, sondern in dem Sprecherinnen und Sprecher unterschiedlicher Provenienz unterschiedliche Probleme lösen müssen und davon auch Gebrauch machen.

In dem Thema „Kohäsion durch Konflikt? Religion und Demokratie“ sind viele Fragen aufbewahrt und noch mehr Begriffe, die mehr Eindeutigkeit suggerieren, als es den Antworten letztlich gut tun kann, und ich will einige dieser Fragen jetzt rekonstruieren und das wohlgemerkt aus der Perspektive eines Soziologen.

Das Thema impliziert z.B. die Frage, wie viel Religion die Demokratie eigentlich verträgt. Das ist keine simple frage, da Religion aus sich selbst heraus schwer demokratisierbar ist, übrigens die Gesellschaft auch...

Wie viel Demokratie verträgt eigentlich die Religion? Und: Wie viel oder besser gesagt welche Gesellschaft verträgt eigentlich die Demokratie? Welche gesellschaftlichen Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Demokratie möglich ist?

Die Begriffe produzieren Adressen, die es im richtigen Leben gar nicht gibt. Das führt zum Problem der Adressierbarkeit bei Religion: Wen sprechen wir da eigentlich an? Kirchen oder funktionale Äquivalente für Kirchen in anderen Weltreligionen, die es womöglich dann gar nicht gibt oder religiöse Eliten oder Wissenschaften, die sich mit offenbarten Texten beschäftigen oder irgendwelche Organisationen? Schon die Vielfalt der möglichen Antworten ist ein Hinweis darauf, dass es offenbar keine eindeutige Adresse gibt. Und jetzt könnte man sagen: Dann adressieren wir wenigstens die Demokratie. Das ist aber genauso schwierig. Viele halten ja die moderne Gesellschaft für eine demokratische Gesellschaft. Selbst wenn sie es wäre, was sie nicht ist, wäre die Adressierbarkeit nicht gegeben. Die Gesellschaft ist unerreichbar.

Man muss beschreiben, worin der Konflikt liegt, um seine Lösung überhaupt denkbar zu machen.

Aber was ist eigentlich der Streit zwischen zwei Akteuren, die unterschiedliche Bezugsprobleme haben und deshalb gar nicht zu einem gemeinsamen kommen können? (...) Das Problem ist, welche Art von Kommunikation da eigentlich stattfindet.

In der Einführung wurde gesagt: Wir sehnen uns alle nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Ich nicht! Eine Gesellschaft mit starkem gesellschaftlichen Zusammenhalt ist meistens pathologisch.

Moderne Gesellschaften sind komplex – das sagt man immer, wenn man nicht weiterkommt, aber Komplexität bedeutet eigentlich nur, dass es oft für den gleichen Satz mehrere Anschlussmöglichkeiten gibt, die gleichzeitig erwartbar sind. Das interessante an modernen Gesellschaften ist, dass sie aus unterschiedlichen Perspektiven an das gleiche immer unterschiedlich anschließen können, ohne dass eines davon falsch sein muss.

Das Gespräch zwischen politischen und religiösen Akteuren lebt von der Differenz und muss die Differenz nicht aufheben.

Religion kann – im Gegensatz zur Politik – erlebend reagieren und erwirtschaftet sich damit Handlungsmöglichkeiten, nämlich Dinge zu sagen, die sonst schwer sagbar sind.

Wir sind unglaublich gut darin, uns zu streiten und Konflikte auszutragen. Dafür gibt's sogar tools... Was wir nicht haben, das ist die Frage, wie eigentlich Akteure unterschiedlicher Problemlösungskompetenz und Problemlösungsnotwendigkeiten produktiv miteinander reden können.

Barmherzigkeit ist die Fähigkeit, mit der Schwäche der Menschen und nicht ihrer Stärke zu rechnen. Das ist in Krisensituationen unglaublich wichtig.