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im Rahmen der internationalen Studienwoche an der Hochschule Luzern

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

Sie hören’s schon an der Anrede: Ich gehöre einer untergehenden Welt an. Tatsächlich ist das ein Thema, das mich seit langer, langer Zeit begleitet – und wenn Sie sich in dieser Studienwoche mit der »Frage der sozialen Arbeit angesichts antidemokratischer Gesellschaftstendenzen« beschäftigen, dann sehen wir, dass eine dunkle Woke über uns heraufgezogen ist, aber es gibt kaum jemanden, der plausibel erklären kann, warum das eigentlich passiert ist. Dieses große Warum zu erhellen und der Frage nach den Gründen für das grassierende Unbehagen in unserer Kultur nachzugehen, wäre die Aufgabe – denn ist die Krankheit unbekannt, sieht’s mit der Behandlung doch eher schlecht aus. Da laboriert man halt an den Symptomen… Also: Warum? Und was ist da eigentlich passiert? Von Goya gibt es einen wunderbaren Bildtitel, nämlich: »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«. Wenn wir das für einen Moment einmal, als gedankliche Hypothese, stehenlassen, dann wäre abzuleiten, dass sich unsere derzeitigen Kalamitäten auf einen Schlaf der Vernunft zurückführen lassen. Das führt uns gleich zu einem weiteren großen Psychologen, Nietzsche nämlich, der den wunderbaren Gedanken notiert hat: »Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Das ist, wie ich denke, eine präzise Beschreibung unserer heutigen politischen Diskurse. Denn wenn Sie sich umschauen, dann sehen Sie, ob links oder rechts, lauter Menschen, die sich an irgendwelchen Ungeheuern festhalten – und die sich dabei selbst, ganz unversehens, dem annähern, was sie da eigentlich bekämpfen wollen. Man könnte das, mit Hans Magnus Enzensberger, einen »molekularen Bürgerkrieg« nennen – in jedem Fall haben wir es mit einem Verlust an Zivilität zu tun, den ich in meinem ganzen, nicht mehr ganz jungen Leben so zuvor nicht habe feststellen können. Aber ich will mich hier gar nicht mit Details aufhalten, sondern möchte gleich ins abgründige Thema hineinspringen: Was ist passiert? Oder genauer: Was haben wir eigentlich verschlafen? Wenn wir das so nehmen, wird die Geschichte plötzlich interessant. Denn es stellt sich die Frage, ob die Erzählung, die wir als Wirklichkeit ausgeben, überhaupt noch Relevanz besitzt – und Sie mit lebbaren, praxistüchtigen Handlungsoptionen ausstattet. Hier schon setzt mein erster Zweifel an. Denn wenn Sie einen Zeitgenossen, genauer: einen Intellektuellen fragen, wie er sich unsere Welt in 10, 20 Jahren wohl ausmalen wird, wird er Ihnen entgegnen, dass er schön froh wäre, wenn er das nächste Jahr überblickte. Ein Beispiel: ich habe vor nicht allzulanger Zeit, im Rahmen eines Symposions zur Zukunft der Bildung, vor gut 100 Bildungsphilosophen einen Vortrag gehalten – und das Bemerkenswerte war: ich war der einzige, der eine positive Vision entworfen hat – wohingegen die Titel der anderen Vortragenden lauteten: Die Zukunft schrumpft, oder ärger noch: Wer hat mir meine Zukunft gestohlen? Ruft man sich ins Gedächtnis, dass die Aufgabe des Bildungsphilosophen darin bestünde, sich über der Lernen der Zukunft im Klaren zu sein, ist das Schrumpfen der Aufmerksamkeitsspanne auf die reine Gegenwart, ärger noch, das Abgleiten ins Ressentiment, fast grotesk – kann eine jede Rede darüber nur wortreiche Maskierung einer Unterlassungssünde sein. Diese Gedankenblockade artikuliert sich als Lähmung, so als wachte man gerade aus einem Alptraum auf. Ja, es scheint geradezu, als ob viele Menschen die Gegenwart überhaupt als eine Art Alptraum auffassten – was ein Philosoph auf die paradoxe Formel gebracht, nämlich, dass es einfacher sei, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. So betrachtet erscheint die Apokalypse, das Ende der Welt, wie eine Wunschvorstellung ist – der Wunsch, dass dieser Alptraum, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, endlich ein Ende haben möge.

Aber ich will mich gar nicht lange mit Spekulationen aufhalten. Ich würde behaupten, dass der tiefste Grund für unser Unbehagen die Erschütterung ist, die mit der digitalen Kultur einhergeht – und weil ich einige Bücher zur Philosophie und zur Kulturgeschichte der Maschine geschrieben habe, bin ich mir deutlich bewusst, dass unseren Eliten noch nicht einmal in Ansätzen klar ist, was ihnen da widerfahren ist. Dies nebenbei ist der Grund, warum die Grundsätze, die man Ihnen in der Schule hat beibringen wollen, keine wirkliche Vorbereitung sind für das, was Ihnen in den nächsten Jahren bevorstehen wird. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die KI einen nicht geringen Teil unserer White Collar Jobs überflüssig machen, genauer: sie in den Arbeitsspeicher, ins Museum der Arbeit überführen wird, ist klar, dass plötzlich große Teile unserer Gesellschaft mit einer höchst realen Entwertungsdrohung konfrontiert sind. Und das ist nicht einmal ein ferner Zukunftsprospekt, sondern widerfährt Ihnen schon jetzt. Wenn der Professor, dem Sie eine Bachelor- oder Master-Arbeit vorlegen, diese nicht liest, weil er ohnehin davon überzeugt ist, dass sie mit ChatGPT verfasst worden ist, stellt sich die Frage, ob die Zeugnisse, die man Ihnen am Ende aushändigt, noch das Papier wert sind, auf das sie gedruckt sind – was, wenn Sie wie in Amerika üblich, mit zweihunderttausend Dollar Schulden aus Studiengebühren dastehen, eine durchaus existenzielle Frage sein kann. Lassen Sie mich dazu eine kleine Geschichte erzählen, die deutlich macht, dass nicht einmal diejenigen, die sich unsere schöne, vernetzte Welt ausgedacht haben, sich über die Konsequenzen im Klaren waren. Die Geschichte handelt von Robert Metcalfe, der unsere Computerwelt mit dem Ethernet bestückt hat – also der materiellen Voraussetzung dessen, was sich dann später in Gestalt des Internets realisiert hat. Metcalfe ist im übrigen auch dafür verantwortlich, was wir den Netzwerkeffekt nennen, oder je nachdem, scalability, Skalierbarkeit. Dem wohnt, was den meisten Menschen nicht klar ist, durchaus eine politische Dimension inne. Nicht wahr, wenn Sie sich die Welt Ihrer Eltern, die Welt der Repräsentation in Erinnerung rufen, da gab es soetwas wie eine top-down-Logik – one-to-many, und da gab es die Eliten, die sich als Wächter des guten Geschmacks usw. betätigt haben. In unserer vernetzten Welt gelten diese Regeln nicht mehr. Denn nunmehr kann jedermann sich nach Belieben artikulieren und – nicht selten hinter einer digitalen Tarnkappe versteckt – die wildesten Dinge in die Welt hinausposaunen. Man nennt das, je nachdem, ein bottom-up oder dezentrales Kommunikationssystem - und das ist die Welt, in die Sie als digital natives hineingeboren sind. Aber was ist hier, neben der Tatsache, dass wir es mit einer totalen, doch eigentlich begrüßenswerten Demokratisierung der Öffentlichkeit zu haben, das Neue? Gehen wir’s systematisch an. Wenn ich mich mit einem anderen Menschen vernetze – dann verfügen wir beide, er und ich, über genau eine Verbindung. Stellen wir uns nun vor, es käme ein Dritter hinzu, hätten wir genau drei Verbindungen. Bei Vieren wären es 6, bei 5 Personen 10 Verbindungen. Tatsächlich können wir das mathematisch formalisieren: Wir nehmen die Anzahl der Verbindungen – sagen wir hundert - und multiplizieren dies mit x-1, das wären also 100*99 = 9900 – und wenn wir das durch 2 teilen, haben wir die genaue Zahl von Verbindungen vor uns, die in diesem Netzwerk möglich sind, nämlich 4450. Das klingt noch nicht sonderlich beeindruckend, aber wenn Sie eine Stadt wie Luzern nehmen, die 85.534 Einwohner zählt, dann ergibt dies grob 3 Milliarden 658 Millionen Verbindungen. Vergleichen Sie das mit der alten Welt. Wenn Sie die Auflage der Luzerner Zeitung nehmen, die früher einmal Waldstädterbote hieß, haben Sie 98.000 Verbindungen – und diese Zahl nimmt sich, verglichen mit 3,7 Milliarden potenzieller Luzerner Kommunikationbsverbindungen geradezu lächerlich aus. In jedem Fall sehen wir uns einem Medienbruch gegenüber, einer medialen Disruption. Lassen Sie uns für einen Moment vorstellen, die Stadt Luzern hätte nun einen veritablen Influencer-Star, der nicht bloß (wie Leon Isek) Kissenschlachten für einen TikTok-Ruhm organisiert, sondern allen Luzernern am Herzen läge, so sehr, dass jeder seinen Account subskribiert hätte – dann hätte dieser Account mit seinen potenziell 3,7 Milliarden Verbindungen ein unglaubliches Gewicht. Und dieses geht schwerlich mit dem Gleichheitsgrundsatz der Demokratie, der Logik des One Man One Vote zusammen. Ich bin ziemlich sicher, auch wenn Ihnen der Netzwerkeffekt und die Formel dahinter unbekannt, so wissen Sie allesamt, wovon ich rede. Wenn ein großer Prozentsatz Ihrer Generation, nach dem Berufswunsch gefragt, erklärt, man wolle Influencer werden, so haben Sie diese Logik, nein, nicht mit der Muttermilch, sondern über Ihr Smartphone-Display in sich aufgenommen. Zurück aber jetzt zu Robert Metcalfe, der dies technisch möglich gemacht hat. Der war, als er die Computer vernetzen wollte, das war um 1971 herum, ein junger Mann von gerade 25 Jahren - und er arbeitete in einem Computerlabor des Kopiermaschinenherstellers Xerox in Palo Alto. Außer ihm waren da eine ganze Reihe anderer Computernerds präsent: da waren die beide Adobe Gründer Warnock und Geschke, da war der Ur-Programmierer des Word-Textverarbeitungsprogramms Charles Simonyi usw. Man hätte sich also durchaus vorstellen können, dass all diese Computernerds begeistert, ja, geradezu enthusiasmiert auf die Möglichkeit, sich lokal zu vernetzen, reagiert hätten. Aber das war keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Man unternahm alles, um dem bedauernswerten Robert Metcalfe das Leben schwer zu machen. Und warum? Was war der Grund für diese Animosität? Auch das ist nicht schwer zu beantworten. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten da in Palo Alto gesessen und hätten die letzten Monate, wie Charles Simonyi, an einem Textverarbeitungsprogramm herumprogrammiert. Was passiert nun wohl, wenn man Ihren Computer mit dem Ihres Tischnachbarn vernetzt. Nunmehr kann der, wann immer ihm danach ist, in Ihren Computer eindringen und sich ganz nach Belieben die Frucht Ihrer langen, ermüdenden Arbeit auf seine Maschine herunterladen. Genau dies hat jeden der Mitarbeiter verschreckt, so sehr, dass niemand wirklich auf die Vernetzung der Computer erpicht war. Bis zu einem gewissen Grade kann man diese Reserviertheit durchaus verstehen, haben wir es nun doch, nach dem Jäger und Sammler, mit dem postmodernen Copy-Paster zu tun – einem Spezimen, das als solches noch nicht wirklich erforscht worden ist. Die Folgen dieser Praxis sind mit den Händen zu greifen. Denn mit dem Akt des Copy-Pasting ist die Vorstellung einer individuell zuschreibbaren Leistung dispensiert, und dies stellt eine tiefe Krise unseres Wertesystems dar, eine Krise, die bis heute noch nicht in unser Bewusstsein vorgedrungen ist. Gleichwohl: Robert Metcalfe konnte sich in Xerox Park durchsetzen – und urplötzlich waren all diese Nerds miteinander vernetzt. Und weil sie sich bald miteinander auszutauschen begannen, sich Emails zu schreiben z.B. - das @-Zeichen entspringt diesem Umfeld –, waren sie in kurzer Zeit allesamt miteinander vernetzt. Was der große Triumph des Robert Metcalfe war – denn als das Netz einmal ausfiel, standen kaum fünf Minuten später die ganzen Mitarbeiter in seinem Büro und fragten: Wo bleibt das Netz?

Wenn man sich mit der Geschichte der Digitalisierung beschäftigt, entwickelt man im Laufe der Zeit einen wirklich grundfremden Blick – denn man sieht, dass ein jedermann, auch wenn er sich all der neuen Techniken bedient, noch immer alten, nicht mehr ganz realitätstüchtigen Vorstellungen anhängt. Bildlich gesprochen, könnte man sagen, dass es sich die Gesellschaft in einem ideologischen Heimatmuseum bequem gemacht hat. Dies fällt auch deswegen so leicht, weil man nicht bloß einen Copy-Paste auslösen kann, sondern über das Netz alle erdenklichen Dinge in die eigenen vier Wände gestreamt bekommt. Was das Paradies der Konsumenten sein mag, ist für all diejenigen, die sich ihren Platz in der Welt erarbeiten müssen, eine fast unüberwindliche Schwierigkeit – denn all die Dinge, die man dereinst für wertvoll gehalten hat, haben in den letzten Dekaden eine schleichende Entwertung erlebt. Der britisch-amerikanische Ökonom Angus Deaton hat sich vor Jahren schon mit der Entwertung der Arbeit beschäftiggt – und inwiefern diese mit der Opioid-Krise zusammenhängt. Sein Buch Deaths by Despear beschreibt eine post-industrielle Welt, die den Verlust ihres Selbstwertgefühl nur mit der Hilfe von Drogen sedieren kann, und am Ende in eine regelrechte Selbstzerstörungsorgie einmündet. Dass dies nicht bloß das Schicksal der Proletarier ist, sondern der Vorschein einer grundlegenden, die ganze Gesellschaft betreffenden Krise, wird evident, wenn Sie sich die Grundformel der digitalen Welt vor Augen führen, die George Boole, der Gründervater der binären Logik, in seinen Laws of Thought im Jahr 1854 niedergelegt hat. Sonderbar ist daran, dass diese Formel, obwohl ein jeder Programmierer mit seinen Booleans arbeitet, als solche weitgehend unbekannt ist – deswegen also eine kurze Einführung. Wenn Sie eine Null mit sich selbst multiplizieren, kommt, wie sie in de Schule gelernt haben, immer Null heraus, und das gleiche gilt auch für die Eins: das Ergebnis ist immer Eins. Diese Besonderheit gilt nur für diese beiden Königszahlen der Mathematik, wie Erwin Schrödinger die Null und die Eins genannt hat – und aus diesem Grund konnte Boole sich anschicken, die ganze Welt, und nicht nur die Welt der Zahlen, auf diese Ordnung zurückzuführen. Die Folgen sind uns vertraut: Was immer elektrifiziert werden kann, lässt sich digitalisieren und ist damit dieser Ordnung einverleibt. Im Grunde ist es egal, worum es sich handelt; das mögen die Geo-Positionsdaten eines Wals sein, aber ebenso die Wisch-und-Web-Bewegung, mit der sie auf Tinder die unerwünschten Partner aussortieren: Name it! Und weil Boole bestrebt war, den Repräsentanten aus der Mathematik zu entfernen, hat er sich nun daran gesetzt und das Gemeinsame der Null und der Eins herauspräpariert. Lassen Sie uns die Null und die Eins durch ein x ersetzen, dann steht auf der anderen Seite: xn (also das Ding, das sich nach Belieben vervielfältigen lässt) – und dies wiederum ergibt die Formel: x= xn. Ich muss gestehen, dass ich, als ich diese Formel zum ersten Mal zu Gesicht bekommen haben, von einem heillosen Erschrecken heimgesucht worden bin. Denn das ist nichts anderes als eine Proliferationsdrohung – oder noch präziser gesagt: die Logik der totalen Entwertung. Denn ein Gut, das sich nach Belieben vervielfältigen lässt, können Sie nicht mehr verkaufen – und genau dies haben die Popmusiker, als sie mit Napster konfrontiert waren, leidvoll erlebt. Wenn ich eben davon gesprochen haben, dass dem Digitalisierungsprozess ein Elektrifizierungsprozess vorausgeht, dann besagt dies, dass sie nicht mehr mit der trägen Masse, sondern mit Elektronen hantieren. Und dies bedeutet, dass ein Kopierprozess in Lichtgeschwindigkeit abläuft – und dass die Elektrizität nur Sekundenbruchteile braucht, um ganze Kontinente zu überwinden. Könnte man dies in schöner Doppeldeutigkeit die Entfernung der Welt nennen, hat man es in der Praxis mit einem Kopierprozess zu tun, der in Lichtgeschwindigkeit läuft und die Artefakte in Sekundenbruchteilen ans andere Ende der Welt teleportiert: Anything, Anytime, Anytime.

Jetzt fragen Sie sich wahrscheinlich schon eine ganze Weile, was dies mit der Gefährdung unserer Demokratie – oder der Zukunft der sozialen Arbeit zu tun hat. Ich würde sagen: unendlich viel. Wenn ich meinerseits, in der Konfrontation mit den Booleschen Gedanken, aber auch über die Arbeit im Tonstudio, beim Filmen und beim Programmieren, nicht mehr vom Individuum spreche, sondern vom Dividuum, also demjenigen, der sich an seiner Teilung und seinem Mitteilungsdrang erhält, so ist dies nichts als die Feststellung, dass die überkommenen Identitäten das Zeitliche gesegnet haben. Nicht, dass sie falsch, unnütz oder moralisch fragwürdig gewesen wäre – aber unser Betriebssystem hat sich gewandelt und damit auch unser Gesellschaftskostüm. Hier nähern wir uns einer Einsicht, die nicht sonderlich verbreitet ist. Wenn Sie den Tugendkanon nehmen, den man unsereins eingebläut hat, sieht man, dass bestimmte Tugenden (Pünktlichkeit, Taktgefühl) sich dem Umgang mit einer Maschine verdanken, der Mechanischen Uhr, dem Räderwerkautomaten des Mittelalters. Selbst die Aufführungen unserer Symphonieorchester, ja, dass Zusammenspiel all der Instrumentalisten, die einer streng durchgetakteten Partitur folgen, ist ein Ausfluss dieser Ordnung – und blieb jenen Weltgegenden, die dieser Ordnung nicht ausgesetzt waren, unbekannt. Von daher wäre es höchst verwunderlich, wenn die Arbeit mit der neuen, digitalen Maschine sich nicht auch in unserem Selbstverständnis niederschlagen sollte. Aber ist das wirklich geschehen? Haben wir soetwas wie ein neues Persönlichkeitsmodell für unsere digital natives geschaffen? Nein, das Gegenteil ist geschehen! Anstatt sich der veränderten Weltlage anzupassen, hat man sich allerorten in einem geistigen Heimatmuseum eingerichtet. Man zieht die Kostüme der Vergangenheit über, verbarrikadiert sich in dieser oder jener Identitätsfestung, und skandiert ein Great Again! Oscar Wilde hat diese Maßnahme als eine Form des Ausverkaufs erfasst: A sentimentalist, so sagt er, is simply one who desires to have the luxury of an emotion without paying for it. Ein Gefühlsmensch, das ist jemand, der den Luxus einer großen Emotion haben möchte, ohne den Preis dafür entrichten zu wollen. - Eine Identität zum Schnäppchenpreis, wenn sie so wollen. In eine solche Rüstung gezwängt, glaubt man sich die unangenehmen Realitäten vom Leibe halten zu können. Aber weil man selbst nicht so dran glauben will, ist man genötigt, ein Ungeheuer herbei zu imaginieren. Auf eine kuriose Weise ist das eine Wiederauflage des Don Quixote de la Mancha, der gegen die Windmühlen anritt, weil er glaubte, gegen Riesen antreten zu müssen – nur dass unsere Zeitgenossen nicht gegen Windmühlen anreiten, sondern gegen die Lichtgeschwindigkeit der Elektronen ankämpfen, vulgo Computerchips. Man mag diesem Kampf das heroische Etikett einer digitalen Souveränität anheften, de facto jedoch ist jeder Kombattant, wie Don Quixote, zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil wir’s hier mit dem Betriebssystem unserer Welt zu tun haben – und ein solches hat man nicht im Griff wie man einen Hammer im Griff hat. Das wird schon sichtbar daran, dass die Zeitgenossen, welche mit der Reklamation einer digitalen Souveränität die Zahlung des Einkaufspreises verweigern, überall dort, wo sie als Konsumenten agieren, diese Welt mit größter Selbstverständlichkeit, ja mit Begeisterung akzeptieren. Das führt in eine merkwürdig schizophrene Gesellschaftsverfassung hinein – denn da will, wie es in der Bibel heißt, die Linke nicht sehen, was die Rechte so tut. Diese Schizophrenie lässt sich allerorten beobachten – und ich fürchte, dass es vor allem der Umgang mit dieser Spaltung ist, von dem die Gefährdung unserer Demokratie ausgeht. Die Frage ist: Wie geht man um mit den Widersprüchen, die sich im eigenen Denken auftun? Schauen wir uns um, ist der Mechanismus unendlich simpel. Denn ist man nicht bereit, der eigenen Widersprüchlichkeit ins Auge zu schauen, wird man alles tun, um den Widerspruch selbst mundtot zu machen – und genau das ist der Drive, der unsere Cancel Culture antreibt. In gewisser Hinsicht beantwortet dieser Mechanismus die Frage, die das Matthäus-Evangelium aufwirft: Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? Wo die Frage der Identität auf dem Spiel steht (die bereits, wie Oscar Wilde bemerkt hat, eine Anmaßung ist), gibt es nichts Bedrohlicheres als die Einsicht, dass man derlei nur deswegen beschwört, weil sie schon nicht mehr existiert. Fundamentalismus, so habe ich andernorts gesagt, entsteht überall dort, wo die Fundamente ins Rutschen geraten sind. Wenn der Kampf gegen Hass und Hetze, gegen den metaphysischen Nazi unterdes zu einem Volkssport geworden ist, mit dem sich Geld verdienen lässt, wenn Meldeportale aufblühen, bei denen die Denunziation von Mitbürgern auf der Tagesordnung steht – und wenn andererseits sich eine Schärfe und Unversöhnlichkeit in die Debatten einmischt, die einen zivilisierten Dialog unmöglich macht, dann sind all dies Symptome einer langsamen Dekomposition, eines gesellschaftlichen Zerfalls. Tatsächlich ist es unleugbar, dass wir es mit antidemokratischen Gesellschaftstendenzen zu tun haben, aber die größte Gefahr, so fürchte ich, besteht darin, dass man, anstatt der eigenen Widersprüchlichkeit ins Auge zu sehen, sich ins Identitäre hineinflüchtet. Ganz nebenbei, da wir schon die Demokratie auf dem Prüfstand haben, wäre es schon hilfreich, sich an ihre Anfänge zu erinnern. So sagt Herodot, der die Hochzeit der griechischen Polis, also der Demokratie erlebt hat, dass nicht das Mehrheitsprinzip ihr vornehmstes Kennzeichen ist, sondern dass alle Menschen gleich sind vor dem Gesetz – was bei den Griechen isonomia hieß. Dieses Moment der isonomia aber wird in dem Moment dispensiert, wo dem Satz: Alle Tiere sind gleich – die Einschränkung folgt: Aber manche sind gleicher als die anderen. Damit ist nicht bloß der Gleichheitsgrundsatz der Demokratie außer Kraft gesetzt, sondern derjenige, der sich hier Sonderrechte anmaßt, mag sich einreden, dass das Gesetzt nicht ist, was über ihm steht. Insofern wäre es schon hilfreich, sich den Anfang der Demokratie, nämlich die Herrschaft des Gesetzes, vor Augen zu führen. Sie beginnt in dem Augenblick, wo Drakon – also der mit den drakonischen Maßnahmen – die Gesetze auf Holztafeln schreiben lässt. Denn dies läuft daraus hinaus, dass auch der Inhaber der Macht dem Gesetz, genauer: der Schrift untertan ist. Genau aus diesem Grund erweist sich der Begriff der digitalen Souveränität als eigentlich undemokratisch – denn urplötzlich wollen (nicht selten digital nicht sonderlich alphabetisierte) Einzelpersonen darüber befinden, was Sache ist und was nicht, res publica. Wie absurd das ist, wird ihnen aufgehen, wenn wir der digitalen Souveränität die alphabetische oder die mechanische Souveränität an die Seite stellen – denn niemand, der halbwegs bei Sinnen ist, käme auf diesen Gedanken.

Die digitale Ordnung ist, ob wir das wollen oder nicht, unser gemeinsames Schicksal: res publica. Jetzt könnten Sie, die Schreckgestalt der Künstlichen Intelligenz vor Augen, einwenden, das dies eine wirklich gruselige Zukunftsperspektive ist. Ich würde darauf entgegen, dass dies nur deswegen gruselig ist, weil wir darauf insistieren, mit den Mitteln der Vergangenheit der Zukunft zu begegnen zu können – und uns darüber in den ärgsten Widersprüchen verheddern. Und weil man sich nur ungern dabei ertappen lässt, versucht man den Widerspruch mundtot zu machen und ergeht sich im Schlaf der Vernunft, oder ärger noch: man imaginiert jene Ungeheuer herbei, denen wir uns dann schlussendlich selbst annähern. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Meinerseits würde ich der eigenen Widersprüchlichkeit ins Auge blicken wollen. Nun ist dies alles andere als eine Nabelbeschau, denn es hier darum, sich über das materielle Triebwerk unserer Welt im Klaren zu sein – und sein eigenes Handeln darauf zu befragen, ob man wirklich auf der Höhe der Zeit agiert. Und da ist man plötzlich – das ist das Wesen der digitalen Erschütterung, der wir uns gegenübersehen – mit der Möglichkeit konfrontiert, dass die Identitäten und Gewissheiten von ehedem das Zeitliche gesegnet haben, dass die Welt sich zur terra incognita zurückverwandelt hat. Rainer Maria Rilke hat das in seinem Malte Laurids Brigge ganz wunderbar erfasst. Da stellt er die Frage:

Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?

Das ist, so denke ich, die Situation, der Sie sich gegenübersehen, wenn Sie die Frage der sozialen Arbeit wirklich ernst nehmen wollen. Die Empfehlungen der Altvorderen, der Boomer-Generation, werden Ihnen nicht weiterhelfen, so wenig, wie das Gebaren eines Don Quixote nachahmenswert ist. Mögen die gutversorgten Rentner sich darum nicht weiter bekümmern, so ist das Eingeständnis ihres geistigen Bankrottes doch überfällig. Wenn dies nicht geschieht, so deswegen, weil die Privilegien der Vergangenheit in klingenden Münze bezahlt werden, wohingegen das Neue, Unerprobte wenig Fürsprecher hat. Ich will Sie nicht mit Märchenerzählungen langweilen, also etwas ganz Praktisches. Es hat sich unterdessen herumgesprochen, dass unser Bildungssystem in einem katastrophalen Zustand ist, ja nachgerade: unreformierbar. Man kann jetzt herumschreien, Brandbriefe schreiben und Ausschau nach Sündenböcken halten, aber das wird, solange es keine wirklichen Konsequenzen gibt, den Missstand nicht ändern. Die Frage aber ist: Was würde wohl passieren, wenn man neben jeder alten Schule eine neue aufmacht, in der man den Lehrern Freiheit gibt, ganz unabhängig von Lehrplänen und der verwalteten Welt, ihren Unterricht frei zu gestalten? Damit täten sich ganz neue und wunderbare Handlungsoptionen auf, ein Freiheitsraum, der, weil Sie selbst ihn gestalten, die Möglichkeit gibt, Erfahrungen zu machen. Denn nur die Erfahrung, die wirklich erlebt worden ist, trägt zur Geistesgegenwart bei. Ich habe diesen Konflikt zwischen der alten und der neuen Welt am eigenen Leib erlebt. Ich war ein junger Autor und wollte dicke, voluminöse Bücher schreiben, wie Thomas Mann das getan hat, während ich andererseits, weil ich lange das Klavierspiel exerziert hatte, mit der Idee spielte, komponieren zu wollen. Gleichwohl war mir doch, als ich entschied, vom Schreiben leben zu wollen, sehr bald schon bewusst, dass die Idee des Autors, der als Originalgenie die Welt erklärt, kein probates Lebensmodell mehr ist. Und dann stand ich irgendwann, weil ich mich dem Hörspiel zugewandt hatte (aus ökonomischen Gründen, denn von irgendwas muss der Hungerkünstler ja leben) im Tonstudio eines Musikers von Tangerine Dream, mit dem ich dann über Jahre zusammengearbeitet habe – und begriff, dass jeder Sound, der sich digitalisieren lässt, zu einem Musikinstrument sich verwandelt, ja, dass die ganze Welt ein einziges Musikinstrument darstellt. Das war eine wahrhaft beglückende Erfahrung – auch wenn ich mich gefragt habe, warum ich, wenn man mit einem kleinen Slider das Anschlagstempo des Keyboards in aberwitzige Höhen herauftunen kann, mich jahrelang mit Fingerübungen, Tonleitern und Czernys Schule der Geläufigkeit herumgeschlagen habe. Kurzum: Da war auf der einen Seite eines tiefes Entwertungsgefühl – die Entwertung der Virtuosität –, auf der anderen Seite ein unendlicher Gewinn, die Möglichkeit, in eine Welt der Klänge eintauchen zu wollen. Und dieser Gewinn – die offene Zukunft – wog viel mehr als die Zwangsjacke einer überkommenen Welt. Und genau da begann auch mein Einstieg in die Theorie – wollte ich verstehen, was es mit der Welt der Computer auf sich hat. Eine Einsicht war: In der Virtualität ist der Virtuose passé – ebenso wie der Großliterat vom Schlage eines Thomas Mann kein Lebensmodell mehr sein kann. In diesem Kontext stelle ich gerne zwei Zitate gegeneinander, über die sich das Schisma zwischen alter und neuen Welt, Repräsentation und Simulation verdeutlichen lässt. Das erste Zitat geht auf einen Wissenschaftsphilosophen zurück, Nicholas Murray Butler, der die gedankliche Engführung der Virtuosität und der Spezialisierung wunderbar auf den Begriff gebracht hat. Ein Experte, so lautet das Zitat, ist jemand, der immer mehr über immer weniger weiß, bis er alles über nichts weiß. Ich denke, Sie kennen den Typus, das ist der Fachidiot, dem man eingeredet hat, dass man, um beruflich reüssieren zu können, sich spezialisieren muss. Das andere Zitat, das eine ganze andere Welt, ja, eine neue Denkweise eröffnet, stammt von Samuel Beckett – und man könnte es als das Motto dieser neuen terra incognita auffassen: I tried, I failed, I tried again, I failed better. Was man erlernen muss – und her würde ich die soziale Arbeit der Zukunft sehen -, ist nichts Geringeres als eine Kunst des Scheiterns.

Mit dieser Maxime im Gepäck können wir dem Begriff der sozialen Arbeit eine neue Bedeutung verleihen. Wenn die AI alle erdenklichen repetitiven Arbeiten erledigt, haben sich viele hochspezialisierte Arbeiten von selber erledigt. Wenn ein Jurist, der 2000 Dollar für eine Stunde einfordert, nichts anderes tut, als vorgefertigte Textbausteine aneinanderzukleben, dann wird diese Tätigkeit recht bald schon von einer künstlichen Intelligenz übernommen. Mehrwert, so hat Marx einmal höchst treffend gesagt, schafft nur der Mensch – und von daher könnten Sie sich schon einmal beglückwünschen, haben Sie sich doch einen Sektor herausgesucht, in dem die Rationalisierungsdrohung der Künstlichen Intelligenz erst spät, wenn überhaupt ankommen wird. Was Marx, der seinen Mehrwertsatz über die Gegenüberstellung von Mensch und Maschine formuliert hat, vergessen hat zu erwähnen: ein Mensch, der eine Arbeit tut, welche eine Maschine nicht zu leisten imstande ist. Denn nur das, was eine Maschine nicht zu leisten vermag, wird als Mehrwert gelten – und dementsprechend entgolten. Wenn wir uns dies vor Augen halten, so bekommt der Begriff der sozialen Arbeit eine neue, unverhoffte Bedeutung. Denn es hieße nichts anderes, als dass man den Menschen, als homo digitalis, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zur Kenntnis nehmen muss. Und umgekehrt wäre es höchst fahrlässig, wenn man diese Widersprüche verleugnet und behauptet, man hätte als wahres, authentisches Wesen mit alledem nichts zu tun. Und so sind wir, sind Sie doch wieder in die Welt der Booleschen Gleichung hinübergerutscht – oder genauer: mit der Frage konfrontiert, wie man unsere Widersprüchlichkeiten auflösen kann, wie man unsere Gegenwart, unsere Institutionen intelligenter und menschenfreundlicher noch zu gestalten vermag. Und ich fürchte, dass die Modelle der Vergangenheit nicht nur nicht hilfreich, sondern eher schädlich sein werden. Das Persönlichkeitsbild, was sich mit dem Dividuum und der Kunst des Scheitern auftut, ist der Generalist, der bestrebt ist, die verschiedensten Aktivität in ein Sinngefüge zu übersetzen, Praktiken, die dem eigenen Leben, aber auch dem der Nächsten und Fernsten zugute kommen. Ist es das, was wir unter sozialer Arbeit verstehen, muss man sich davor hüten, den anderen zu instrumentalisieren, ihn zum Rad im Getriebe herabzuwürdigen. Aber am Gefährlichsten wohl sind die Ungeheuer der Vergangenheit. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die Künstliche Intelligenz Bilder von ungeheurer Perfektion in die Welt entlässt, ja, dass nicht wenige Menschen sich Schönheitsoperationen unterziehen, um dem eigenen Profilbild ähnlich zu sehen – dann ist die digitale Alphabetisierung tatsächlich ein Überlebensprinzip. Denn wenn Sie sich darüber bewusst sind, dass man hier mit Phantasien operiert, laufen sie nicht Gefahr, die Phantasie für bare Münze zu nehmen. Wie schädlich, ja wie verletzend es ist, an der Perfektion gemessen zu werden, werden Sie wohl – als body shaming – am eigenen Leibe erlebt habt. Und wenn man in den sozialen Medien, 24/7, der Bewertung der anderen ausgesetzt ist, so geht dies nicht nur mit einem ungeheuren Konformitätsdruck einher, sondern ist Quelle einer nichtendenwollenden Depression. Vieles, was wir heute als demokratiegefährdend erachten, ist ein Ausfluss dieser Panoptikumslogik – der Zwang, dem eigenen Image, genauer: einer nicht einlösbaren Perfektion entsprechen zu müssen. Wenn Sie sich klar darüber werden, dass die Identität ein Gefängnis ist – und dass das Dividuum, die Kunst des Scheitern den Ausweg bereitstellt, dann wird man sich nicht mehr dem Ressentiment und antidemokratischen Gesellschaftstendenzen hingeben, sondern allein dem Gelingen.

In diesem Sinn

ein gutes Gelingen

und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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