Lieber Miko,liebe Freunde der Morgenstunden,
über Johannes Kepler habe ich auf diesen Seiten bereits des öfteren berichtet, so zum Beispiel hier. In der vorherigen Morgenstunde hat dann Ralf Schauerhammer in seinem Beitrag über den Zusammenhang von Glauben, Demut und Wissenschaft Kepler besonders herausgehoben. Dies hat mich daran erinnert, dass ich bei meinen Recherchen einen früheren Text von Ralf Schauerhammer und seiner leider zu früh verstorbenen ersten Ehefrau Rosemarie “Romie” Schauerhammer entdeckt und viel von ihm profitiert habe, was mein eigenes Grundverständnis angeht. Daher habe ich mir gedacht, es würde dich, Miko, und alle Leserinnen und Leser freuen, auch einmal etwas über Kepler hören zu können. Kurz: Ich habe den Text “Der Astronom Johannes Kepler”, der vor über vierzig Jahren [Ibykus, Nr. 8, 1984] erstmals erschien, vertont. Ralf Schauerhammer hat sich darüber auch sehr gefreut.
Der Astronom Johannes Kepler
Von Rosemarie und Ralf Schauerhammer
“Dieser Mensch hat ganz und gar eine Hundenatur. Er ist ganz wie ein verwöhntes Hündchen.
Erstens, der Körper ist beweglich, dürr, wohlproportioniert. Die Nahrung ist beiden die gleiche. Es macht ihm Spaß, Knochen abzunagen und harte Brotkrusten zu kauen. Er ist gefräßig, ohne Ordnung. Sobald ihm etwas unter die Augen kommt, reißt er es an sich. Er trinkt wenig. Er ist selbst mit dem Geringsten zufrieden.
Zweitens. Sein Charakter ist ganz ähnlich. Zuerst macht er sich, wie der Hund bei den Hausgenossen, beständig bei den Vorgesetzten beliebt. In allem ist er von anderen abhängig, ist ihnen zu Diensten, wird gegen sie nicht wütend, wenn er getadelt wird. Auf jede Art sucht er sich wieder auszusöhnen. Er forscht alles aus in Wissenschaft, Politik, im Hauswesen, selbst in den einfachsten Tätigkeiten. Er befindet sich in fortwährender Bewegung und irgendwelche Leute, die das und jenes treiben, verfolgt er, indem er dasselbe treibt und dasselbe ausdenkt.
Er ist hartnäckig, eifert gegen jeden, der sich schlecht aufhört, er bellt nämlich. Er ist auch bissig, scharfer Spott liegt ihm auf der Zunge. So ist er meist verhasst. Vor Baden, Untertauchen, Waschen schaudert es ihn wie einen Hund.”
Diese Worte stammen aus der Selbstcharakteristik, mit der sich der 30-jährige Johannes Kepler humorvoll und mit der für ihn typischen Selbstironie beschreibt. Kepler hat für die Wissenschaft Unermessliches geleistet, denn er wurde von Liebe zum geistigen Schaffen und zum Geschaffenen bewegt. Sein freier Geist wagte es, die jahrhundertealten Fesseln, in denen das Universum in starren Kristallsphären verfangen war, mutig zu zersprengen und die harmonische Ordnung der Planetenbahnen unermüdlich zu erforschen, bis er die Entwicklung des gesamten Universums aus einem einheitlichen Prinzip erklären konnte.
Wie die Erde durch die Sonnenstrahlen erwärmt und belebt wird, so erblühten auf allen Gebieten, die von Keplers schöpferischem Geist erfasst wurden, wichtige und neue Ideen. Kepler, und nicht etwa Newton oder Galileo, ist der Begründer der modernen Naturwissenschaften.
Keplers Leistung beschränkt sich nicht auf die oft zitierte Entdeckung der drei Planetengesetze. Kepler schuf die Naturwissenschaft als Wissenschaft. Kepler ist der Begründer der modernen Optik, welche er entwickelte, um die Funktionsweise des Fernrohrs und die Gültigkeit der damit gelieferten astronomischen Messdaten zu erklären. Kepler begründete “als sorglicher Familienvater, der für sein Haus einen Trunk zu besorgen hat”, am Beispiel der Berechnung von Weinfässern verschiedener Formen die Stereometrie. Kepler entwickelte Rechenmethoden, welche bereits im Keim die Grundidee der Leibnizschen Infinitissimalrechnung anklingen lassen, und forderte die Mathematiker dazu auf, eine solche Rechenmethode zu entwickeln. Kepler lieferte sofort, nachdem ihm die Logarithmentafeln von Lord Neber bekannt wurden, eine theoretische Erklärung dieses Rechenverfahrens und benutzte es zum Entwurf der ersten funktionsfähigen mechanischen Rechenmaschine, die er leider niemals benutzen konnte, weil sie in den Wirren der damaligen Zeit mit dem Hause seines Konstrukteurs und Freundes Wilhelm Schickart verbrannte. Kepler starb nach einem schweren, aber glücklichen und erfüllten Leben 1630 in Regensburg, von seinen Feinden durch die deutschen Lande gehetzt und völlig verarmt.
Seine Grabstätte ist unbekannt und sein Nachlass wurde in alle Winde zerstreut. Auch nach seinem Tode trifft die ironische Selbstcharakterisierung auf Kepler zu: Man behandelte ihn wie einen toten Hund.
Die Welt zu Keplers Zeit: Fanatismus, Inquisition und Krieg
Johannes Kepler lebte in einer Zeit, in der es schien, als gäbe es für die Menschheit keine Hoffnung mehr. Alles verdichtete sich zu einem schrecklichen Krieg, der 30 Jahre lang in Europa wütete und die Hälfte der Bevölkerung direkt oder indirekt hinwegraffte. Die Religionskriege hatten den Glauben an einen rationalen Gott begraben. Irrationalität und Unmoral, wie sie in den Dramen von Gryphius und der Beschreibung des Simplicissimus von Grimmelshausen so scharf dargestellt wurden, feierten ihren Triumph.
Magie, Hexenkulte und Rosenkreuzertum ersetzten rationales Denken und Wissenschaft. In dieser hoffnungslosen Zeit erstrahlt Johannes Kepler wie ein Stern am Horizont und legt die Grundlagen, auf denen aufbauend Leibniz nach dem verheerenden Kriege innerhalb kurzer Zeit neue wirtschaftliche Fortschritte einleiten konnte. Niemals, auch in den schlimmsten Zeiten nicht, verliert Kepler den Glauben daran, dass der Mensch Ziel der Welt und jeglicher Schöpfung ist. “Den Genuss, den ich aus meiner Entdeckung geschöpft habe, mit Worten zu beschreiben, wird mir nie möglich sein,” sagte er. Mit den aus Reformation und Gegenreformation entstehenden Religionskriegen hatte die blühende deutsche Renaissance noch zu Lebzeiten Martin Luthers ein jähes Ende gefunden.
Die junge, sich entwickelnde Industriekultur wurde im Keime erstickt. Unter Gegenreformation und protestantischer Orthodoxie hatte wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt keinen Platz mehr.
In den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts wüteten die Bauernkriege. Luther selbst stellte sich auf die Seite der Oligarchen, denen er empfahl, mit Feuer und Schwert gegen die Bauern vorzugehen. In seiner Schrift »Über die Unfreiheit des Willens« hatte Luther gegen den Humanismus von Erasmus von Rotterdam den Menschen als von Grund auf Böse dargestellt, der Gottes Willkür völlig passiv ausgeliefert sei.
1532 machte Johannes Calvin in Genf seine inhumane Prädestinationslehre bekannt, wonach bereits vorbestimmt ist, ob der Mensch die Glückseligkeit erlangen kann. Eine moralische und schöpferische Verantwortung des Menschen für die Verbesserung der Welt gab es deshalb für die Calvinisten nicht.
Zwei Jahre später gründete Ignatius von Loyola die ‘Societas Jesu’. Die Truppe der Gegenreformation kämpfte für die gleiche tierische Weltanschauung wie Calvin. Verneint die kalvinistische Prädestinationslehre von vornherein jegliche Verantwortung des Menschen, so kultivierte Loyola dasselbe degradierte Menschenbild durch genau die entgegengesetzte Herangehensweise. Auf der Grundlage von Aristoteles' Nikomachischer Ethik verfeinerte der Orden die berüchtigte Doktrin “der Zweck heiligt die Mittel”. Zur gleichen Zeit setzt Papst Paul III. das berüchtigte heilige Offizium der Inquisition ein. Dieses wird in den nächsten 100 Jahren seine unheilvollen Aktivitäten ausüben. In Frankreich, England, Holland und allen deutschen Ländern entflammten die Religionskriege.
Wie Schiller in »Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges« beschreibt, wurde die Gelegenheit, die sich den Protestanten zur Herstellung von Einheit und Freiheit in Deutschland geboten hätte, nicht genutzt. Lutheranismus, Calvinismus und Jesuitentum lieferten das moralische Deckmäntelchen, Andersgläubige blutig auszurotten, wenn es in die politischen Karten passte.
Kepler war Zeit seines Lebens religiösen Verfolgung ausgesetzt. Dreimal wurde er sogar unter Lebensgefahr aus der Heimat ausgewiesen. Genau wie auf religiösem, so wütete auch auf erkenntnistheoretischem Gebiet der Kampf. Die Renaissance auch in Deutschland hatte den scholastischen Aristotelismus in seinen Grundfesten erschüttert. Mit ihrem blutigen Ende zog auch der Scholasmus wieder in die Wissenschaften ein. Die Neuplatoniker wie Proklos und vor allem Nikolaus von Kues waren, wenn nicht vergessen, so doch nicht mehr einflussreich. Thomas Campanella und Giordano Bruno saßen in den Kerkern Roms. Die grausame Verbrennung Brunos auf dem Scheiterhaufen der Inquisitionen erlebte Kepler mit 29 Jahren.
In der Astronomie, der Kepler den Großteil seiner Lebensarbeit widmete, wird die Rigidität des Aristotelismus besonders deutlich. Im Jahr 150 n. Chr. hatte Ptolemäus das aristotelische Weltbild in seinem Almagest festgeschmiedet. Himmel und Erde waren strikt getrennte Bereiche. Die Himmelskörper unterlagen einem anderen Naturgesetz als die Erde. Im Himmel gab es keine Entwicklung, sondern ewig und unveränderlich umkreisen die Planeten die ruhige Erde in einer gleichförmigen ewigen Kreisbewegung.
Um dieses Konstrukt eines an ehernen Gesetzen festgeschmiedeten Universums wenigstens annähernd mit der Realität in Einklang zu bringen, mussten zur Erklärung der Bewegung der Planeten eine Unmenge an Ausnahmefällen wie Epizykel und Exzenter herangezogen werden. Das ganze System wurde bald fast genauso aberwitzig und verzwickt wie die heutige Teilchenphysik. Dennoch gerieten die Kalender immer mehr in peinliche Unordnung. Kopernicus beschreibt die Situation der damaligen Wissenschaftler folgendermaßen: “Es geht Ihnen... [gemeint sind die Mathematiker] wie jemandem, der Hände, Füße, Kopf und andere Glieder, die für sich wohl gut gemalt sind, aber nicht ein und demselben Leib entnommen, die also untereinander nicht übereinstimmen, zu einem Ganzen zusammensetzen wollte. Nicht ein Mensch, sondern ein Monstrum käme zum Vorschein.”
Die Argumente des Ptolemäus zur Rechtfertigung seines “Nullwachstums-Weltbildes” deckten sich mit denen der heutigen technologiefeindlichen Bewegung. Er sagt: “Es wird sich wohl niemand im Hinblick auf die Dürftigkeit menschlicher Machwerke der Technik Gedanken machen, dass die hier vorgetragenen Hypothesen zu künstlich seien. Darf man doch Menschliches nicht mit Göttlichem vergleichen und ebenso wenig die Beweisgründe für so gewaltige Vorgänge den ungleichartigsten Beispielen entnehmen.”
Gegen dieses ptolemäische System hatte Nikolaus von Kues schon 1440 in seinen Schriften die Ähnlichkeit der Himmelskörper mit der Erde erörtert und die Erdrotation vermutet. Im Jahre 1543 widmete der Frauenburger Domherr Nikolaus Kopernikus seine Schrift »De Revolutionibus Orbium Coelestium«, (“Von den Umdrehungen der Himmelssphären”), Papst Paul III. Darin wurde die Sonne wieder, wie schon von dem Griechen Aristarchus, ins Zentrum der Welt gerückt. Obwohl die koperikanische Lehre weiterhin an einer strikten Trennung zwischen Astronomie, Himmelsphysik und irdischer Physik festhielt, war sie ein wichtiger Ausgangspunkt für Keplers Revolution der Wissenschaften. Dies war die geistige und politische Situation als Johannes Kepler am 27. Dezember 1571 in der schwäbischen Stadt Weil der Stadt geboren wurde.
Das schwächliche Siebenmonatskind sollte keine schöne Jugend erleben. Sein Vater, den Kepler als “einen lasterhaften, schroffen und händelsüchtigen Menschen” schildert, war ein Abenteurer, dem nichts an Frau und Kindern lag. Er zog in die Niederlande, um auf Seiten Herzog Albas den Aufruhr niederzuschlagen, den die spanische Schreckensherrschaft dort ausgelöst hatte. Die Mutter, “streitsüchtig und von unguter Art”, wie Kepler sagte, kümmerte sich auch nicht um die Kinder. Dank eines für damalige Verhältnisse guten Erziehungssystems in Württemberg konnte Kepler jedoch auf Staatskosten die Schule und die Universität Tübingen besuchen, wo er Theologie studierte. Dort wurde er von seinem Lehrer Michael Maestlin mit Philosophie und Astronomie vertraut gemacht. Vor allem die Philosophie war es, die er als Ganzes mit ungeheurer Begierde erfasste.
Hier las er den göttlichen Cusanus, den Neuplatoniker Proklus, Platon, aber auch Aristoteles, Pythagoras und den italienischen Mystiker Julius Scaliger. Maestlin brachte ihm auch die Lehre Kopernikus’ nahe. Und hier schon stellen sich für Kepler die Fragen, denen er sein ganzes Leben lang nachspürt. “Drei Dinge waren es vor allem,” so sagte Kepler im Vorwort seines Jugendwerkes Mysterium Cosmographicum, “deren Ursachen, warum sie so und nicht anders sind, ich unablässig erforschte, nämlich die Zahl, Größe und Bewegung der Bahnen der Wandelsterne.” Und schon in seiner Jugend empfand er, dass die aristotelische Erklärung der Welt nicht der Wahrheit entsprechen könne. Zitat »Schon zu der Zeit, als ich mich in Tübingen eifrig dem Verkehr mit dem hochberühmten Magister Michael Maestlin widmete, empfand ich, wie ungeschickt in vieler Hinsicht die bisher übliche Ansicht über den Bau der Welt ist. Ich ging schon daran, der Erde aus physikalischen oder, wenn es Dir besser gefällt, aus metaphysischen Gründen auch die Bewegung der Sonne zuzuschreiben, wie es Kopernikus aus mathematischen Gründen tut.«
Fortsetzung folgt, lieber Miko!
Bis dahin,
Dein Opa!
Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank!