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Der Astronom Johannes Kepler

Galileo und die Unmoral der empirischen Methode

Von Rosemarie und Ralf Schauerhammer

Die sogenannte empirische Methode, der die moderne Naturwissenschaft angeblich so viel, ja nach Meinung vieler sogar ihre Existenz verdankt, ist nicht nur inkompetent, sie ist auch Ausdruck einer unmoralischen Geisteshaltung. Wer Keplers Aussagen zum sechseckigen Schnee verstanden hat, der muss sich zum Beispiel über die dummdreiste Art wundern, mit der Isaac Newton behaupten konnte, “Hypothesis non fingo”. Der Grund ist ganz einfach. In Newtons Werken sind 80% aller Hypothesen von Relevanz von Kepler geklaut und der Rest ist von Leibniz abgekupfert. Empirismus ist nur ein anderes Wort für Plagiat.

Ähnlich wie bei Newton liegt der Fall bei einem anderen bekannten Helden der empirischen Wissenschaften, Keplers Zeitgenossen Galileo Galilei. Gerade im Vergleich und in seinem Verhalten zu Kepler wird deutlich, welch mieser Kleingeist Galileo in Wirklichkeit war. Wie der dänische Mathematiker und Astronom Tycho Brahe, dessen Beobachtung erst in Keplers Händen wirkliche Bedeutung gewannen, ist Galileo Empiriker.

Galileo ist deshalb nicht in der Lage, dem Aristotelismus als Methode der Wissenschafts- und Geisteskontrolle einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Seine im Verhältnis zu seinen wissenschaftlichen Leistungen überproportionale Popularität konnte den Jesuiten deshalb nur lieb sein. Kepler versucht in seinem Briefwechsel mit Galileo immer wieder, diesen zu erziehen und ihn auf entscheidende Fehler seiner Denkweisen hinzuweisen.

Jedenfalls soweit das möglich war, ohne den gegen alles neue wutschnaubenden Aristotelikern in die Hände zu spielen. Immer wieder kommt Kepler auf die Frage des Empirismus zurück und versucht Galileo auf die Ebene neoplatonischer Vernunft zu erheben. Denn, so sagt Kepler es, es stehen die Denker, die die Ursachen der Dinge im Geiste empfangen, noch ehe sie sinnfällig werden,

jenem ersten Baukünstler näher als die anderen, die über die Dinge erst nachzudenken beginnen, wenn sie sie mit den Augen geschaut haben. Gleichzeitig, so Kepler, dürfen diese Spekulationen a priori nicht gegen die offenkundige Erfahrung verstoßen. Sie müssen vielmehr mit ihr in Übereinstimmung gebracht werden. Kepler verschickte seine Schriften an alle Wissenschaftler, damit andere mithelfen, an dem Buch der Natur weiterzuschreiben. Auch Galileo schickte er das Mysterium Cosmographicum. Doch Galileos Antwort war enttäuschend. Er hat die Schrift möglicherweise nie gelesen, verstanden hat er sie gewiß nicht. Und schon in diesem ersten Brief Galileis an Kepler kommt ein Wesenzug zum Tragen, der Kepler trotz aller Verfolgung völlig fremd war. Galileo schreibt 1597, er habe viele Ursachen von Naturvorgängen erforscht und gefunden, sei aber durch das Schicksal von Kopernikus abgeschreckt, sie zu veröffentlichen. “Er hat sich bei einigen wenigen unsterblichen Ruhm erworben, von unendlich vielen aber wird er verlacht und ausgepfiffen”. Kepler ruft ihm in dem Antwortbrief zu, “Seid guten Mutes, Galileo, und tretet hervor! Beim großen Haufe Einbuße zu leiden, ist eine kleine Einbuße, zumal für den, der sich die Wahrheit und die Ehre Gottes des Schöpfers als Ziel gesetzt hat und nicht den eigenen Ruhm. Denn groß ist die Macht der Wahrheit. Wenn Italien Euch zur Veröffentlichung weniger geeignet erscheint und Ihr dort Hindernisse zu erwarten habt, so wird uns vielleicht Deutschland diese Freiheit gewähren.”

Die Idee, für die Verbreitung der Wahrheit wohlmöglich seiner Heimat aufzugeben, kam dem großen Helden der Wissenschaft Galileo nicht in den Sinn. Galilei hüllte sich gegenüber Kepler 13 Jahre ins Schweigen. 1610 veröffentlicht Galilei den Sidereus Nuntius, den Sternenboten, in dem er über seine Himmelsbeobachtung mit dem Fernrohr berichtet. In dieser Schrift wagt Galilei zum ersten Male offen, das kopernikanische Weltsystem zu befürworten, Obwohl bekannt war, dass das Fernrohr zu dieser Zeit in Holland schon gebaut wurde und einige Exemplare davon auch schon nach Italien gelangt waren, gibt Galilei hier vor, das Fernrohr selbst erfunden zu haben. Kepler ist über das Fernrohr hoch erfreut, denn alle seine a priori Hypothesen werden damit bestätigt.

In der im gleichen Jahr erscheinenden Dioptrice, in der er die Natur des Lichtes und der Linsensysteme erforscht, begrüßt Kepler das Fernrohr. “O du vielwissendes Rohr, kostbarer als jegliches Zepter, wer dich in seiner Rechten hält, ist der nicht zum König, nicht zum Herrn über die Werke Gottes gesetzt? Von dir gilt das Wort, du unterwirfst dem menschlichen Geist die Grenzen dort oben, alle Bahnen samt ihrem Lauf.

Durch die Vermittlung des toskanischen Gesandten, nicht durch Galilei, erhält Kepler ein Exemplar des Sidereus. Innerhalb von elf Tagen verfasst Kepler die Schrift »Auseinandersetzung mit dem Sternenherold«, die als Paradebeispiel dienen kann, wie Kepler Galilei erziehen wollte. Am Anfang schildert er humorvoll, wie er seit der Veröffentlichung der Astronomia Nova vor sechs Jahren auf ein Urteil Galileos gewartet hatte. Dieser hatte sich nie geäußert. Bis sein Freund Wacker ihm Nachricht über die Neuschrift überbracht hätte. Er will Galileos Entdeckungen “gegen die grießgrämigen Rückschrittler, die alles Unbekannte als unglaubwürdiges Zeug ausgeben”, schützen.

Doch gleichzeitig weist er Galileo zurück, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Kepler lobt zum Beispiel einen Leersatz Galileos mit den Worten, “Seine, [also Keplos-Lehrer Maestlins] Worte sind den Deinen, O Galileo, so ähnlich, dass man glauben könne, sie seien Deinem Schriftchen entnommen.” Galileo konnte nicht missverstehen, was hier gemeint war, denn das betreffende Werk Maestlins war 1606, das heißt fünf Jahre vor Galileos Schrift erschienen. Es ist sicher nicht zufällig, dass Kepler anschließend eine peinlich genaue Schilderung der wirklichen Entdeckungsgeschichte des Fernrohrs vornimmt, schmälert Galileos eigentliche Entdeckung jedoch an keiner stelle: “Nicht der Nachbau eines schon bekannten Werkzeuges ist rühmenswert, sondern jetzt muß eine Erklärung für die Wirkungsursache des Fernrohrs gefunden werden.”

Diese liefert Kepler übrigens selbst in der Dioptrice, mit der er zum Begründer der modernen Optik geworden ist und entwirft aufgrund seiner theoretischen Überlegung das sogenannte Kepler'sche Fernrohr, das bedeutend besser ist. Die Unzulänglichkeit empirischer Methoden greift Kepler in dieser Antwortschrift an Galileo wiederholt auf. Kepler fragt: “Soll man den Geist mehr bewundern, der einen neuen Erdteil aus der Richtung der Luftströmungen erschließt, oder den Mut eines Mannes, der unbekannte Gewässer versuchen geht und das unermessliche Weltmeer oder schließlich das Glück des Helden, der erreicht hat, was er ersehnte?” Seine Antwort fällt ganz eindeutig zugunsten der schöpferisch Denkenden, der alten Wissenschaftler aus:

“Weit ab von den älteren Forschern mag Kepler stehen, der sich das Weltbild des Kopernikus in seinem vollen sinnlichen Augenschein zu eigen gemacht hat und nun von den Erkenntnisgründen aufsteigt zu den natürlichen Ursachen und von ihnen zu den Zweckgedanken der Schöpfung, so wie Plato vor so vielen Jahrhunderten aus Begriffen, die der Erfahrung vorhergehen, verkündet hat. Später zeigt Kepler, dass das Verhältnis der fünf platonischen Grundgebilde im Weltengefüge des Kopernikus zum Ausdruck kommt. Es liegt nichts Widersinniges und nichts Feindseliges darin, dass man die alten Denker höher stellt als die neueren, denn größerer Ruhm gebührt dem Baumeister dieser Welt als noch jedem so geistreichen Weltbeobachter. Darum stehen die Denker, die die Ursachen der Dinge im Geiste empfangen, noch ehe sie sinnfällig werden, jenem ersten Baukünstler näher als die anderen, die über die Dinge erst nachzudenken beginnen, wenn sie diese mit Augen geschaut haben. So wirst du also, Galilei, unseren Vorgängern ihren Ruhm nicht neiden.”

Im Gegensatz zum Wissenschaftler, wie ihn Kepler sieht, kann der Empiriker bloß Arbeitsgesetze des Universums erkennen.

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