Der Astronom Johannes Kepler
Kepler im Sturm der Religionskämpfe
Von Rosemarie und Ralf Schauerhammer
Kepler musste sich natürlich den blutigen Auseinandersetzungen, die in ganz Europa im Namen der Religion geführt wurden, stellen. Dreimal wurde er aus religiösen Gründen vertrieben. Selbst diese ständige Lebensgefahr konnte Kepler niemals dazu bewegen, auch nur ein Jota von seiner Überzeugung abzurücken. Es ist offensichtlich, dass Wissenschaftler, die sich eifrig mit der Erforschung ihrer Karriere beschäftigen, unermüdlich und arbeitsam vor der inquisitorischen Lehrmeinung buckeln, bis die erwünschten Finanzmittel in ihr Institut fließen und sich sogar an den wissenschafts- und technikfeindlichen Zeitgeist-Anbietern auch heute noch einen Mann wie Kepler hassen müssen. Tübingen, wo Kepler von 1589 bis 1594 Theologie studierte, war ein Zentrum der religiösen Auseinandersetzung geworden. Die orthodoxen Lutheraner hatten sich hier eine geistige Hochburg aufgebaut. 1576 war unter Führung des Tübinger Theologen Jakob Andreä hier die berüchtigte Konkordienformel abgefaßt worden, das Glaubensbekenntnis der orthodoxen Lutheraner, die sich hiermit nicht nur gegen die Papisten sondern auch gegen die Calvinisten scharf abgrenzten. Diese Konkordienformel sollte Kepler noch viele Male zu schaffen machen. Die Lutheraner wollten ihn dazu bringen, sie zu unterschreiben und damit die anderen Religionen ohne Vorbehalte zu verdammen.
Wer es wagte, seine Seele nicht der lutherischen Dogmatik zu verschreiben, der konnte damals unmöglich Theologe werden, was Kepler eigentlich wollte. Er musste am Ende seines Studiums deshalb als Lehrer für Mathematik und Moral nach Graz in die Steiermark. Später wurden von Tübingen aus immer wieder hinterhältige Kampagnen gegen ihn lanciert, die sich mit den jesuitischen Operationen der Gegenreformation ergänzten. Typisch ist schon, dass Kepler vom protestantischen Tübingen, als er 1598 mit seinen Religionsgenossen vor der Gegenreformation, die von der Steiermark ihren blutigen Einzug nach Deutschland hielt, unter Androhung der Todesstrafe mit Weib und Kind aus dem Lande gejagt wurde, abgewiesen wurde und in Prag Zuflucht suchen musste. Wer vermutet, Kepler reagiere mit Hass und Verbitterung, irrt. Er schreibt in dieser Situation: “Aber ich hätte nicht geglaubt, dass es in Gemeinschaft mit den Brüdern so süß ist, unseres Glaubens wegen und um Christi Ehre willen, Schimpf und Schande zu erleiden, Haus, Äcker, Freunde und Heimat aufzugeben. Wenn es beim echten Märtyrertum und bei der Hingabe des Lebens ebenso ist, und wenn die Freude mit der Größe des Verlustes wächst, dann muss es leicht fallen, für den Glauben auch zu sterben.”
Trotz dieser unsicheren persönlichen Lage, die noch von einer äußerst schlechten gesundheitlichen Konstitution verstärkt wurde, gab er seine wissenschaftliche Arbeit niemals auf. “In der Schöpfung greife ich Gott gleichsam mit Händen. Wenn es etwas gibt, was den Menschen in diesem niederbeugenden Exil aufrichten kann, so ist es die Sternenkunde, weil sie die Verherrlichung des weisesten Schöpfers zum Gegenstand hat.”
Kepler wurde nun zwar bald kaiserlicher Mathematiker in Prag am Hof Rudolfs II., doch seine persönlichen Schwierigkeiten waren damit in keinster Weise ausgeräumt. Im Gegenteil, die kaiserlichen Taschen waren immer leer und Kepler musste täglich um seinen Lebensunterhalt kämpfen. “Ich stehe ganze Tage in der Hofkammer und bin für Studien nichts. Ich stärke mich jedoch mit dem Gedanken, dass ich nicht dem Kaiser allein, sondern dem ganzen menschlichen Geschlechte diene, dass ich nicht bloß für die gegenwärtige Generation, sondern auch für die Nachwelt arbeite. Wenn Gott mir beisteht und wegen der Kosten Vorsehung tut, so hoffe ich, etwas zu leisten.”
Bald darauf wurde Kaiser Rudolf II. auch noch von seinem Bruder Matthias mit Unterstützung der böhmischen Stände gestürzt. Und dann sterben kurz hintereinander Keplers jüngster Sohn und seine Gattin. Er schreibt: “Betäubt durch die Schreckenstaten der Soldaten und den Anblick des blutigen Kampfes in der Stadt, verzehrt von der Verzweiflung an einer besseren Zukunft und von der unauslöschlichen Sehnsucht nach dem verlorenen Liebling, wurde sie zum Anlass ihrer Leiden von dem ungarischen Fleckfieber angesteckt… Wozu erzähle ich das? Nun, ihr sollt aus meiner Rede meine geistige Verfassung kennenlernen, von der sich manche noch wundern, dass sie jene Spannkraft vermissen lässt, die astronomische Spekulationen erfordern.” Kepler schreibt, dass er trotzdem die Studien nicht aufgegeben hätte, sondern eine Chronologie angelegt habe, denn das Sammeln, Ordnen und Sichten “erfordere ja nicht mehr Arbeit, als die Kräfte eines niedergebeugten Mannes zu leisten vermochten.”
Kepler war deshalb 1612 gezwungen, die Stelle eines Landschaftsmathematikers in Linz an der Donau anzunehmen. Hier konnte er zwar 14 Jahre lang leben und sein Lebenswerk, die Weltharmonik, herausbringen. Unterdessen wurden jedoch die Operationen gegen ihn immer härter. Gleich in den ersten Tagen seiner Ankunft versetzten ihm die Lutheraner von Württemberg einen Schlag, der das Signal gab zu all den Schikanen und Verfolgungen der späteren Jahre. Mit Unterstützung der Tübinger Lutheraner wurde Kepler in Linz von Pastor Daniel Hitzler vom Abendmahl ausgeschlossen — das entsprach einer gesellschaftlichen Verbannung. Das Tübinger Konsistorium der Geistlichen Räte beschreibt ihn als »verschlagenen Calvinisten« und in offiziellen Dokumenten als »Schwindelhirnlein« und »Letztköpflin«. Es empfiehlt ihm: “Trauet eurem guten Ingenio nicht zu viel und seht zu, dass euer Glaub nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gotteskraft bestehe.”
Dieser Glaube Keplers an die menschliche Vernunft und nicht die in den Vordergrund geschobene Frage der Konkordien-Formel war der wirkliche Grund für die Verfolgung Keplers durch Jesuiten und Lutheraner.
In diesem Zusammenhang soll ein weiteres Beispiel für Keplers moralische Integrität nicht verschwiegen werden. Als 1621 nach dem Zusammenbruch der böhmischen Aufstände unter dem Winterkönig bei der Belagerung von Linz durch Maximilian derselbe Pastor Hitzler, der Kepler so übel mitgespielt hatte, verhaftet wurde, trat Kepler für ihn ein und nahm ihn persönlich gegenüber den Katholiken in Schutz.
Den Dank bekam Kepler in einer weiteren Intrige zu spüren, deren Fäden wieder in Tübingen zusammenliefen. Seine Mutter wurde als Hexe angeklagt. Normalerweise hätte damals ein Brief des kaiserlichen Mathematikers, welcher Kepler ja immer noch formell war, ausgereicht, diesen Irrtum zu bereinigen. Doch die Antwort auf Keplers erstes Schreiben bewies ihm, dass es hier wohl um mehr ging, als um eine für die damalige Zeit typische Verdächtigung. Sechs Jahre lang mußte Kepler immer wieder seine Arbeiten verlassen und in den demütigenden Prozeß eingreifen, bis 1621 das Urteil verkündet wurde, daß seine Mutter nicht hingerichtet werden, sondern nur mit dem Anblick der Folterwerkzeuge konfrontiert werden sollte. Ein halbes jahr später starb sie durch den Prozeß an Leib und Seele zugrunde gerichtet Kepler schreibt über die unrühmliche Rolle Tübingens, »Meine Heimat schindet mich.«
Infolge des Dreißigjährigen Krieges wurde die Lage in allen Ländern immer verwirrter. Um das vom Kaiser bewilligte Geld einzutreiben, musste sich Kepler ständig auf Reisen begeben. 1619 starb Kaiser Matthias, sein Nachfolger war Ferdinand II., der schon als Erzherzog in der Steiermark die Gegenreformation aufgebaut und alle Protestanten des Landes verwiesen hatte. Die Gegenreformation hatte jetzt auch Linz ergriffen und auch hier wurden alle Protestanten ausgewiesen. Als kaiserlicher Mathematiker wurde zwar bei Kepler eine Ausnahme gemacht, aber, wie sein Freund Schickhardt schreibt, “ist es schon ein großer Trost, dass wir nicht verbrannt werden, sondern dass man uns erlaubt, weiterzuleben, sofern die Erlaubnis überhaupt für diejenigen von Bedeutung ist, dem man alles zum Leben Notwendige genommen hat.”
Die Lage in Oberösterreich wurde immer schlimmer. Als Reaktion auf das Durchgreifen in der Gegenreformation unter Führung der Jesuiten erhoben sich jetzt die protestantischen Bauern. Sie zogen brennend und plündernd durch die Länder und belagerten Linz für zwei Monate. Dabei ging auch die Druckerei in Flammen auf, wo Kepler die Rudolphinischen Tafeln drucken ließ. Ende 1626 verlässt Kepler mit seiner Familie den Hexenkessel Linz. Wieder weiß er nicht, wohin. Sein Weg führt über Ulm, wo er die Rudolphinischen Tafeln noch einmal drucken lässt und der Ulmer Stadt bei Gelegenheit noch zu einer Vereinheitlichung ihrer Maße und Gewichte verhilft, zurück nach Prag, jetzt eine Hochburg der Jesuiten. Kepler entschließt sich einen Ruf an den Sitz eines der damals mächtigsten Männer Deutschlands, wenn nicht gar Europas anzunehmen, dem astrologiegläubigen Feldherrn von Wallenstein.
Wird fortgesetzt.
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