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Was wir Kepler heute verdanken und worauf wir uns wieder besinnen müssen, sind nicht die nach ihm benannten Keplerschen Gesetze der Planetenbahnen. Sie sind nur die notwendigen Folgerungen aus einem gesetzmäßigen Hypothesenprozess.

1596 tritt Kepler mit seinem wissenschaftlichen Erstlingswerk Prodomus Dissertationum Cosmographicarum continens Mysterium Cosmographicum zum ersten Mal in das wissenschaftliche Rampenlicht. Schon der Titel, der übersetzt lautet »Vorbote einer allgemeinen Weltbeschreibung, das Weltgeheimnis enthaltend« verrät, dass Kepler hiermit erst den Anfang seiner weiteren Arbeiten setzen sollte.

Kepler ist zutiefst davon überzeugt, dass nichts in der Welt von Gott planlos geschaffen ist. Die Welt ist eine “aufs Beste geordnete Schöpfung”. “Niemals bleibt in der Natur etwas müßig oder überflüssig.” Die Aufgabe des Menschen liegt darin, den Schöpfungsplan, den Gott seiner Schöpfung zugrunde legte, nachzuspüren. Und dies ist ihm möglich, da die Welt kein chaotischer Zufall ist, sondern Gesetzmäßigkeiten gehorcht, den gleichen Gesetzmäßigkeiten, denen der menschliche Geist folgt. Kepler beschreibt dies später in Astronomia Nova folgendermaßen: “Die göttliche Stimme, die die Menschen zur astronomischen Forschung auffordert, ist in Wahrheit in der Welt selbst zu vernehmen, nicht mit Worten und Silben, sondern durch die Tatsachen selbst und die Verwandtschaft des menschlichen Verstandes und der Sinne mit der Gliederung der Himmelskörper und ihrer Zustände.

Die Frage nach dem Warum von Zahl, Größe und Bewegung der Bahnen der Wandelsterne ist für Kepler die Frage danach, wie Gott die Welt geschaffen hat. Das heißt, nach dem Entwicklungsprinzip des Universums, das wir mit Hilfe der harmonischen Verhältnisse der Erscheinungen der Dinge erkennen können. Weil diese Dinge ja aus diesem Erzeugungsprozess hervorgegangen sind. Kepler fragt: “Was ist die Welt, aus welchem Grund, nach welchem Plan ist sie von Gott erschaffen? Woher nahm er die Zahlen? Woher die Norm für seine gewaltige Schöpfung? Woher die Sechszahl der Planeten? Woher die Intervalle zwischen ihren Bahnen? Warum ist der Sprung zwischen Jupiter und Mars, die doch nicht die Äußersten sind, so groß?

In Mysterium Cosmographicum schildert er, welche Wege er beschritt, um hier die Gesetzmäßigkeit herauszufinden. So setzte er zwischen Jupiter und Mars einen neuen Planeten, den man nur seiner Kleinheit wegen nicht sähe. Heute wissen wir, dass tatsächlich dort, wo Kepler einen neuen Planeten vermutete, Asteroiden, also Planetenstückchen, sich befinden. Zuerst versuchte Kepler, direkt zwischen den Bahnabständen der Planeten harmonische Verhältnisse zu entdecken, dann zwischen den Umlaufzeiten. Schließlich versuchte er, regelmäßige Flächen in die verschiedenen Bahnradien einzufügen. Kepler verwirft all diese Wege wieder. Doch schließlich findet er die gesuchte Harmonie in einer vollkommeneren Weise, als er ursprünglich vermutet hatte. Er beschreibt, wie ihm am 19. Juli 1595, also mit 23 Jahren, nach langem vergeblichen Bemühen der folgende Gedanke aufblitzte:

Die Erde ist das Maß für alle anderen Bahnen. Ihr umschreibe ein Dodekaeder. Die dieses umspannende Sphäre ist der Mars. Der Marsbahn umschreibe ein Tetraeder. Die dieses umspannende Sphäre ist der Jupiter. Der Jupiterbahn umschreibe einen Würfel. Die diesen umspannende Sphäre ist der Saturn. Nun lege in die Erdbahn einen Ikosaeder. Die diesem unbeschriebene Sphäre ist die Venus. In die Venus lege ein Oktaeder. Die diesem einbeschriebene Sphäre ist der Merkur.

Dieses Modell ist von ergreifender Schönheit, nicht weil es aus schönen symmetrischen Figuren besteht, sondern weil es dem Betrachter wie in geometrischer Kristallform das wesentliche Charakteristikum des Entwicklungsprozesses des Universums vor Augen führt. Kepler wusste, dass alle platonischen Körper eng mit dem Verhältnis des goldenen Schnitts in Beziehung stehen.

Dieses Verhältnis ist sowohl in der Kunst als auch in der organischen Natur von augenfälliger Bedeutung. Kepler wusste sehr wohl, warum das der Fall ist. Er hat es an verschiedenen Stellen beschrieben. Einer der lustigsten ist wohl in einem Brief an Tankius enthalten. Hier leitet er die Bedeutung dieses Verhältnisses daraus ab, dass es beliebig genau mit der Fibonacci-Folge angenähert werden kann. Die Fibonacci-Folge besteht aus den Zahlen 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw. Und sie liefert die Verhältnisse 1:2, 2:3, 3:5, 5:8, 8:13, 13:21 usw. Kepler sagt:

Unter den stetigen Proportionen existiert eine einzige ausgezeichnete Art, der Goldene Schnitt… Ich glaube nun, dass diese Proportionen als Idee gedient hat, als Er die Erzeugung von Ähnlichem aus Ähnlichem, die ja auch immer fort weiter geht, eingeführt hat. Ich sehe ja, dass die Fünfzahl fast bei allen Blüten der Frucht, das heißt der Erzeugung, vorausgeht, … Nun seht zu, wie aus dem Goldenen Schnitt das Abbild von Mann und Frau entsteht. … Der goldene Schnitt kann durch Zahlen nicht vollkommen ausgedrückt werden, er kann jedoch in einer Weise ausgedrückt werden, dass wir durch einen unendlichen Prozess ihr immer näher kommen. Wobei wir der Zeichnung eines Quadrates immer nur einen Fehlbetrag von einer Einheit haben.

Fangen wir mit der kleinsten Zahl an. Die kleinste zerlegbare Zahl ist 2, sie teilt sich in 1 und 1. Von diesen bildet der eine den kleineren, der andere den größeren Teil in der Proportion, sodass man die Glieder 1, 1, 2 erhält. Wäre dadurch die göttliche Proportion vollkommen ausgedrückt, so müsste das Rechteck aus den äußeren Gliedern gleich dem Quadrat des mittleren Gliedes sein. Es ist jedoch um 1 zu groß. Ich fahre nun fort, indem ich den größeren Teil 1 zu dem ganzen 2 addiere. Ich erhalte 3, sodass nun die Glieder 1, 2, 3 sind. Hier ist das Rechteck aus den äußeren Gliedern 3. Das Quadrat des mittleren Gliedes 4. Ich fahre wiederum fort und addiere den größeren Teil 2 zum ganzen 3, sodass das neue Ganze 5 ist. Die Glieder sind nun 2, 3, 5. Das Rechteck aus den äußeren Gliedern 2, 5 ist 10. Das Quadrat des mittleren 9. So ist immer der Fehlbetrag bei dem einen gleich dem Überschuss beim anderen. Ich glaube, ich kann die Sache nicht klarer und handgreiflicher ausdrücken, als wenn ich sage, ihr seht dort das Bild des männlichen, hier des weiblichen Gliedes.”

Diesen scherzhaften Bemerkungen, welche Kepler gleich darauf als Spielerei bezeichnet, liegt das Verständnis zugrunde, dass das unübersehbare Auftreten des goldenen Schnitts in der belebten Natur damit zusammenhängt, dass die organischen Wesen Produkte des ihrer Existenz zugrunde liegenden Zeugungsprozesses sind. Keplers Modell im Mysterium Cosmographicum zeigt somit, dass der Schöpfungsprozess des Universums mit dem Zeugungsprozess organischen Lebens kohärent ist. Genau wie ein Baum seine Sprossen in Abständen treibt, deren Verhältnis im goldenen Schnitt steht, so muss das Universum offensichtlich in einem Prozess entstehen, der die Planetenbahnen entsprechend dieses Verhältnisses entstehen ließ. Doch mehr noch, auch der schöpferische Denkprozess des Menschen muss mit diesem lebendigen Prinzip kohärent sein. Wenn er etwas zur Naturerkenntnis beitragen will, so darf er sich deshalb nicht in statistischen Syllogismen und Axiomensystemen erschöpfen!

Fortsetzung folgt.

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[Folge 1]



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