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Optimismus, ein Glaubensbekenntnis

Von Helen Keller

[Hier klicken für Teil 1, Innerer Optimismus]

2. Äußerer Optimismus

Der Optimismus ist also meine fest innere Überzeugung. Aber auch wenn ich hinausblicke ins Leben, stoße ich damit nicht auf Widersprüche. Die Außenwelt rechtfertigt meine optimistische Auffassung. Während der ganzen Zeit, die ich auf der Hochschule zugebracht habe, ist mein Studium eine fortwährende Entdeckung des Guten gewesen. In der Literatur, der Philosophie, der Religion und der Geschichte finde ich die starken Zeugen meines Glaubens. Die Philosophie ist die in großen Lettern geschriebene Geschichte einer tauben und blinden Person. Von Sokrates über Plato und Berkeley bis auf Kant bezeichnet die Philosophie die Anstrengungen des menschlichen Geistes, sich von der Last der materiellen Welt freizumachen und hinwegzufliegen in ein All der reinen Idee. Für einen taubblinden Menschen sollte die ideale Welt Platos eine besondere Bedeutung und Anziehungskraft haben.

Die Dinge, die ihr seht, hört und fühlt, sind nicht die Wirklichkeit der Wirklichkeiten, sondern unvollkommene Manifestationen der Idee des Prinzips des Geistes. Die Idee ist die Wahrheit, das Übrige ist Täuschung. Wenn dem so ist, so kennen meine Mitmenschen, die im Vollbesitz ihrer Sinne sind, keine Wirklichkeit, die nicht ebenso gut im Bereich meiner Erkenntnis liegt. Die Philosophie gibt dem Geiste das Vorrecht, die Wahrheit zu sehen und trägt uns in Regionen, wo ich, die ich blind bin, nicht verschieden bin von euch, die ihr seht.

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