„Ich grüble über all die kleinen Dinge nach, die uns aufbauen und zerstören, all die Kleinigkeiten, die wir verbergen und enthüllen, vergessen und vergeben möchten. Dass wir alle verborgene Geschichten mit uns herumtragen, zu denen wir ständig zurückkehren, Dinge, die uns hochfliegen oder langsam herunterkommen lassen. Ich denke über das Leben nach, das ich gelebt habe, und über all die Dinge, die ich weiß.[...]“ (S. 382)
So lässt Sarah Easter Collins ihre Protagonistin Robyn in ihrem Roman So ist das nie passiert ihre Gedanken formulieren und es ist gleichzeitig ein Rückblick auf ihr Leben, der ebenso die Frage aufwirft, was wir wirklich wissen und wie fehlerhaft Erinnerungen sein können; ein Thema welches sich durch den gesamten Roman zieht und tragend für den Verlauf der Handlung sein wird.
Ausgangspunkt des Romans, der 2024 im Heyne Verlag erschien und im Original den Titel Things don`t break on their own trägt, ist ein Abendessen. Zugegen sind die Protagonistin Robyn und deren Frau Cat, die auch gleichzeitig die Gastgeberinnen sind. Außerdem Robyns Bruder Michael und dessen Freundin Liv, Robyns gute Freundin Willa und deren Freund Jamie sowie Cats Bruder Nate und dessen Freundin Claudette. Dabei spielen vor allem Robyn und Willa eine zentrale Rolle und aus ihren Blickwinkeln wird auch der Roman kapitelweise erzählt. Besonders dramatisch ist dabei vor allem Willas Geschichte, denn ihre Schwester Laika verschwand, als sie noch ein Teenager war und wird zum Zeitpunkt des Dinners, an dem die Geschichte einsetzt, bereits seit über 20 Jahren vermisst. Neben der Tatsache, dass Willa die Hoffnung, ihre Schwester zu finden, nie aufgegeben hat, was ihr Leben in erheblichem Maß bestimmt hat, kommt an diesem Abend noch hinzu, dass sie in Claudette, der Freundin von Cats Bruder, plötzlich ihre lange verschollene Schwester zu erkennen glaubt. An diesem Punkt setzen die Erinnerungen und Rückblicke auf die Geschehnisse, die bis zu diesem Punkt reichen bzw. geführt haben ein und werden kapitelweise abwechselnd von den Protagonistinnen erinnert, wodurch sich für die Leserin nach und nach ein sehr differenziertes und unerwartetes Bild ergibt.
Robyns und Willas gemeinsame Geschichte beginnt im Internat, auf welches Willa kurz nach dem Verschwinden ihrer Schwester von den Eltern geschickt wird. Die Elternhäuser der beiden Mädchen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Robyn in einem liebevollen Haushalt aufwächst, in dem viel miteinander gesprochen, agiert und diskutiert wird, in dem es gegenseitige Wertschätzung und Respekt gibt und den man landläufig wohl als liebevoll bezeichnen würde, erfährt Willa in ihrem zu Hause vor allem Unterdrückung, Aggressionen und Gewalt durch den Vater, wobei sich dessen physische Gewalt nicht an Willa selbst, sondern deren Mutter und Schwester entlädt. Es ist ein zu Hause der Abhängigkeiten und des Machtmissbrauchs, in der die Mutter Bianka, versucht ihre Töchter zu schützen und in dem der Verlust der Tochter und Schwester kaum zu verarbeiten ist. Das unterschiedliche Aufwachsen der Mädchen ist auch ein wichtiger Grund, warum sie letztlich zueinander finden und nicht nur eine tiefe Zuneigung und Freundschaft, sondern auch Liebe füreinander empfinden, denn die ausgeglichene Robyn kann Willa die Geborgenheit und Ruhe schenken, die sie in ihrem eigenen zu Hause kaum erhält und findet gleichfalls in Robyns Familie eine Art Ersatzfamilie, die sie liebevoll aufnimmt. Umso tragischer ist es, dass es zwischen Willa und Robyn kurz vor Ende ihres Abschlusses am Internat zu einem Bruch kommt, der vor allem Willas Verhalten zuzuschreiben ist und zwar später wieder aufgelöst werden kann, anhand dessen Sarah Easter Collins aber ebenfalls aufzeigt, wie sehr ihr Handeln von ihrem großen Verlust beeinträchtigt wird. Ein weiteres Beispiel für die zentralen Dynamiken inklusive Machtverhältnisse und Beziehungen im Roman beschreibt Collins anhand der Partnerschaft, die Willa mit ihrem Freund Nate führt. Zunächst liebevoll und zugewandt, wandelt sich dies unter dem Einfluss von Willas Vater, der Nate regelrecht für sich beansprucht, ins komplette Gegenteil, wobei es Willa lange Zeit nicht gelingt, angemessen auf dieses Verhalten zu reagieren bzw. sich daraus zu lösen.
Zentrales Motiv des Romans ist, neben dem traumatischen Verlust und den Auswirkungen innerhalb der Familie, aber auch die Frage danach, wie wir Dinge erinnern und wie trügerisch Erinnerungen sein können. Es ist bekannt, dass Erinnerungen vom Gehirn jedes Mal neu rekonstruiert werden und nicht wie eine Art Video ablaufen, dabei werden aber auch Lücken einfach mit Informationen aufgefüllt, die plausibel erscheinen und nicht real sind bzw. erlebt worden sein müssen. Vor allem starke Emotionen können dazu führen, dass Erinnerungslücken falsch aufgefüllt werden und sich durch häufiges Erzählen verfestigen. Die eingangs erwähnte Dinnerparty zu welcher sich Freunde und Familie treffen und bei der Willa glaubt, ihre verschollene Schwester wiederentdeckt zu haben, stellt im Roman den Ausgangspunkt dafür dar, dass vor allem Willa beginnt sich, beginnend bei ihrer Kindheit, zu erinnern. Durch die Perspektiven anderer Protagonistinnen wird dann allmählich deutlich, dass Dinge teilweise falsch erinnert wurden bzw., und ich denke, so ist es häufig der Fall, einfach Teil ihrer Wahrheit und ihres Erlebens sind, die auch darauf beruhen, dass ihr Informationen schlichtweg fehlen. Wodurch sich für die Leserin – und auch die Akteurinnen – schließlich nach und nach aus einzelnen Puzzleteilen ein Gesamtbild ergibt und damit generell aufzeigt wird, dass Wahrheit und Perspektiven miteinander verwoben sind.
Dadurch gelingt Sarah Easter Collins mit So ist das nie passiert ein komplexer Roman, der thematisch sehr breit aufgestellt ist, trotz der Schwere der Themen einfach und flüssig zu lesen ist und dessen Verlauf man einfach immer weiter folgen möchte, um zu sehen, welches Bild die einzelnen Teile ergeben. Er hat mich aber auch einmal mehr dankbar und demütig gegenüber meiner eigenen Familie und Freunde zurückgelassen und ist, nun wenig überraschend, eine klare Empfehlung von mir.