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Dieses Briefing fasst die zentralen Entwicklungen und Debatten im Bereich der künstlichen Intelligenz vom November 2025 zusammen. Die wichtigsten Erkenntnisse umfassen technologische Fortschritte bei führenden KI-Modellen, deren zunehmende Integration in Gesellschaft und Medien sowie die damit verbundenen rechtlichen, ethischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

Zentrale Erkenntnisse:

* Produktinnovation und Personalisierung: OpenAI treibt mit GPT-5.1 die Entwicklung hin zu personalisierteren und gesprächigeren KI-Interaktionen voran. Neue, anpassbare Antwortstile und ein günstigeres Abonnementmodell („ChatGPT Go“) sollen die Nutzerbasis erweitern und eine tiefere Integration in den Alltag fördern. Gleichzeitig zeigen neue Prompting-Techniken wie „Verbalized Sampling“, dass die Kreativität von KI-Modellen oft nur durch die richtige Fragestellung freigesetzt wird.

* Soziale und gesellschaftliche Auswirkungen: KI wird zunehmend in sensiblen Bereichen wie der mentalen Gesundheit eingesetzt, wobei OpenAI von über einer Million wöchentlicher Gespräche zum Thema Suizid berichtet. Die Befürchtungen eines massiven, KI-bedingten Jobverlusts werden durch aktuelle Analysen relativiert, die wirtschaftliche Faktoren wie Zinsen und Zölle als Hauptursache für den Stellenabbau sehen. Im Haushaltsbereich zeigt der ferngesteuerte Roboter „Neo“ die aktuellen Grenzen der Autonomie und den Bedarf an menschlich generierten Trainingsdaten.

* KI in Medien und Kreativwirtschaft: Die Nutzung von KI im Mediensektor ist ambivalent. Während eine Studie KI-Chatbots aufgrund einer Fehlerquote von 45 % als unzuverlässige Nachrichtenquellen einstuft und die österreichische Bevölkerung KI in den Medien mehrheitlich kritisch sieht, demonstrieren Projekte wie das einer norwegischen Lokalzeitung das Potenzial für investigativen Journalismus. Gleichzeitig führen vollständig KI-generierte TV-Sendungen, Werbespots und sogar ein Nummer-1-Country-Song zu intensiven Debatten über Authentizität, Kreativität und die Legitimität von KI-Kunst.

* Rechtliche Grauzonen und Auseinandersetzungen: Der rechtliche Rahmen für KI ist weiterhin in Bewegung. Zahlreiche Gerichtsverfahren, unter anderem zwischen OpenAI und der New York Times oder Stability AI und Getty Images, verdeutlichen ungelöste Fragen des Urheberrechts, insbesondere bei grenzüberschreitend trainierten Modellen. Deutsche Gerichte urteilen restriktiver bei der Nutzung von lizenzierten Inhalten wie Liedtexten, während in den USA sogar der Einsatz von KI als Geschworene getestet wird.

Technologische Fortschritte und Produktinnovationen

Die Entwicklung von KI-Modellen schreitet voran, wobei der Fokus zunehmend auf verbesserter Nutzerinteraktion, Zugänglichkeit und der Optimierung der Modellausgabe durch innovative Techniken liegt.

GPT-5.1: Personalisierung und Konversation

OpenAI hat mit GPT-5.1 ein Update vorgestellt, das die Kommunikation mit der KI natürlicher und persönlicher gestalten soll. Die Modelle lassen sich nun besser an individuelle Vorlieben anpassen, um die Tonalität und den Stil der Antworten zu steuern.

* Ziel: Die Antworten sollen sich weniger wie ein “Lexikon auf Beinen” anfühlen, sondern eher wie die eines “Kumpels, der tatsächlich helfen will”. Dies wird durch einen direkteren Sprachstil und den Einsatz von Emojis erreicht.

* Anpassbare Stile: Nutzer können aus einer Reihe vordefinierter Stile wählen, um die Art der Antwort zu steuern

Neue Preismodelle: ChatGPT Go

Um die Nutzerbasis zu erweitern, hat OpenAI ein günstigeres Abonnementmodell namens „ChatGPT Go“ eingeführt, das auch in Österreich für 7,99 € pro Monat verfügbar ist. Dieses Modell positioniert sich als “Kampfpreis” zwischen der kostenlosen Version und dem teureren Plus-Abonnement.

Der Hauptvorteil des Go-Abos gegenüber der Gratis-Version liegt in höheren Nutzungslimits und der Möglichkeit, Projekte, Aufgaben und individuelle GPTs zu erstellen. Ein zentraler Aspekt ist zudem der verbesserte Datenschutz, da bei bezahlten Modellen eine größere Kontrolle über die eigenen Daten besteht.

Fortgeschrittene Prompt-Techniken: “Verbalized Sampling”

Eine Studie von Forschern der Stanford University hat eine einfache, aber wirkungsvolle Methode zur Steigerung der Kreativität von KI-Modellen entdeckt: Verbalized Sampling.

* Methode: Anstatt eine direkte Aufforderung wie “Erzähl mir einen Witz” zu verwenden, wird die KI gebeten, mehrere Optionen mitsamt ihrer Wahrscheinlichkeiten zu generieren (z.B. “Generiere 5 Witze mit ihren Wahrscheinlichkeiten”).

* Ergebnis: Dieser Ansatz führt zu einer doppelt so hohen Vielfalt in den Antworten, ohne dabei die Genauigkeit zu beeinträchtigen. Die Technik funktioniert laut Studie mit allen gängigen KI-Modellen und erfordert kein erneutes Training oder Fine-Tuning des Modells.

KI in Gesellschaft und Alltag

Die fortschreitende Integration von KI in alltägliche Lebensbereiche wirft Fragen zu Autonomie, mentaler Gesundheit und den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt auf.

KI im Haushalt: Der Neo-Roboter

Der Haushaltsroboter “Neo” kann für 20.000 € oder im Abo für 500 € pro Monat vorbestellt werden. Er verspricht, Aufgaben wie das Waschen von Wäsche oder das Ausräumen des Geschirrspülers zu übernehmen. Ein Bericht des Wall Street Journal enthüllte jedoch ein entscheidendes Detail:

* Menschliche Fernsteuerung: Bei komplexen Tätigkeiten, die der Roboter nicht autonom bewältigen kann, übernimmt ein menschlicher Operator die Steuerung per VR-Headset. Dies erinnert an das historische Beispiel des “Schachtürken”.

* Zweck: Dieser “Human-in-the-Loop”-Ansatz dient primär dem Sammeln von Trainingsdaten, um die Fähigkeiten des Roboters zukünftig zu verbessern. Das Modell, sich für das Sammeln von Trainingsdaten bezahlen zu lassen, stellt einen unkonventionellen Weg in der Robotik-Entwicklung dar.

KI und Mentale Gesundheit

OpenAI hat Daten veröffentlicht, die eine massive Nutzung von ChatGPT für Gespräche im Bereich der psychischen Gesundheit belegen.

* Nutzungszahlen: Von 800 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern führen über eine Million Gespräche, die sich auf das Thema Suizid beziehen. Dies entspricht 0,15 % der Konversationen mit expliziten Indikatoren für potenzielle Suizidplanung.

* Maßnahmen: Um die Sicherheit zu erhöhen, arbeitet OpenAI mit über 170 Experten für psychische Gesundheit zusammen. Dadurch sollen die Fehlerquoten bei sensiblen Themen bereits um 65-80 % gesenkt worden sein.

* Gesellschaftlicher Trend: Diese Entwicklung wird als Indiz für einen möglichen “sechsten Kondratieff-Zyklus” interpretiert, der sich auf psychosoziale Gesundheit als zentralen Markt für technologische Innovationen konzentriert.

KI und der Arbeitsmarkt: Eine Neubewertung

Entgegen der weit verbreiteten Sorge vor einer “KI-Jobapokalypse” deuten aktuelle Analysen darauf hin, dass andere Faktoren einen größeren Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben.

* Amazon-Entlassungen: Der CEO von Amazon, Andy Jassy, betonte, dass die Streichung von bis zu 30.000 Bürojobs auf eine veränderte Unternehmenskultur und nicht auf den Einsatz von KI zurückzuführen sei.

* Wirtschaftliche Faktoren: Eine Analyse von Fortune zeigt, dass der Rückgang an offenen Stellen (-30 % seit der Einführung von ChatGPT) weniger auf KI als auf ökonomische Faktoren wie Zinsen und Zölle zurückzuführen ist.

Rechtliche und Regulatorische Entwicklungen

Die rasante Entwicklung der KI führt zu einer Vielzahl von rechtlichen Auseinandersetzungen, die grundlegende Fragen des Urheberrechts und der Regulierung aufwerfen.

* OpenAI vs. New York Times: OpenAI war im Rahmen der Klage wegen der Nutzung von Trainingsdaten vorübergehend gerichtlich untersagt worden, Chatverläufe zu löschen. Diese Anordnung wurde inzwischen wieder aufgehoben.

* Stability AI vs. Getty Images: Ein britisches Gericht wies eine Klage von Getty Images ab. Die Begründung: Das KI-Modell wurde in den USA trainiert, weshalb das britische Urheberrecht nicht anwendbar sei. Dies wirft die grundlegende Frage auf, welches nationale Recht für global agierende KI-Modelle gilt.

* Deutsches Urteil zu Liedtexten: Ein deutsches Gericht entschied, dass ChatGPT Liedtexte nicht ohne entsprechende Lizenz der GEMA als Trainingsdaten verwenden darf. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

* KI als Geschworene: Die University of North Carolina führt Experimente durch, in denen KI-Modelle wie GPT-4 und Claude als computergestützte Geschworene in fiktiven Gerichtsverfahren agieren.

* Aufstieg von Legal-Tech: Der Einsatz von KI-Anwälten und -Werkzeugen nimmt im Rechtsmarkt zu, was sowohl Effizienzsteigerungen als auch neue Risiken mit sich bringt.

KI in Medien, Kunst und Kreativwirtschaft

Die Anwendung von KI in kreativen und informativen Bereichen führt zu gemischten Ergebnissen und löst grundlegende Debatten über Qualität, Authentizität und die Rolle des Menschen aus.

Zuverlässigkeit von KI als Nachrichtenquelle

Eine Studie unter Beteiligung der European Broadcast Union (EBU) bewertet KI-Chatbots als Nachrichtenquelle als “unbrauchbar und gefährlich” mit einer durchschnittlichen Fehlerquote von 45 %.

* Fehlerarten: Hauptprobleme sind falsche Quellenangaben (31 %) und inhaltliche Fehler (20 %).

* Leistung der Modelle: Gemini schnitt mit 76 % mangelhaften Antworten am schlechtesten ab, gefolgt von Copilot (37 %), ChatGPT (36 %) und Perplexity (30 %).

* Themenabhängigkeit: Bei politischen Fragen (”Beginnt Trump einen Handelskrieg?”) zeigten die Modelle deutlich mehr Schwächen als bei unpolitischen Themen wie Sport oder Geografie.

Öffentliche Wahrnehmung und Medienkompetenz in Österreich

Eine von der RTR mitfinanzierte Studie zeigt eine hohe Skepsis in der österreichischen Bevölkerung.

* Kritische Haltung: 70 % der Befragten sehen den Einsatz von KI in Medien kritisch und fühlen sich im Umgang mit der Technologie nicht kompetent.

* Selbsteinschätzung der KI-Kompetenz (n=1539):

* Sehr kompetent: ca. 5 %

* Eher kompetent: ca. 26 %

* Eher weniger kompetent: ca. 47 %

* Überhaupt nicht kompetent: ca. 23 %

Anwendungsfälle im Journalismus und Fernsehen

* Investigativer Journalismus: Die norwegische Lokalzeitung Tromsø (22 Reporter) nutzt erfolgreich KI-Bots, um Behördenakten (z.B. zu Grundstücksvergaben) systematisch zu durchforsten. Dies ermöglicht der kleinen Redaktion, investigativ zu arbeiten und exklusive Geschichten aufzudecken.

* KI-generierte TV-Sendungen:

* Channel 4 (UK): Sorgte mit einer Dokumentation, die von der vollständig KI-generierten Moderatorin “Arti” präsentiert wurde, für Kontroversen.

* Puls 4 (Österreich): Startete mit “kudlmudl.ki” eine komplett KI-generierte Satiresendung im Vorabendprogramm, bei der die menschliche Kontrolle aber transparent gemacht wird.

Reaktionen auf KI-generierte Inhalte

* Coca-Cola Weihnachtsspot: Der erneut mit KI generierte “Holidays are coming”-Spot wurde von vielen YouTube-Nutzern als “seelenlos”, “unnatürlich” und “uncanny” kritisiert.

* Nummer-1-Hit in den Country-Charts: Der vollständig KI-generierte Song “Walk My Walk” von “Breaking Rust” erreichte Platz 1 der Billboard Country Digital Song Sales. Dies löste eine Debatte aus, ob KI-generierte Werke in offiziellen Charts legitimiert werden sollten, da dies laut Kritikern “Künstler:innen die Incentives nimmt”.

Soziale und Philosophische Betrachtungen

Über die technischen Anwendungen hinaus wirft KI grundlegende Fragen nach der Natur menschlicher Beziehungen und der Stabilität der durch sie angetriebenen Wirtschaftszyklen auf.

Die Grenzen der Empathie: KI als Beziehungspartner

KI-Begleiter können zwar Empathie simulieren, aber keine echte, gegenseitige Beziehung bieten. Die zentrale Argumentation lautet, dass eine echte menschliche Verbindung nicht nur auf dem Empfangen von Bestätigung beruht, sondern auf dem Prinzip von Geben und Wirken.

* Einseitigkeit: Die Interaktion mit einer KI ist rein konsumierend. Der Nutzer erhält, gibt aber nichts zurück, da die KI keine eigenen Bedürfnisse oder Ziele hat.

* Fehlende Gegenseitigkeit: Ein menschliches Grundbedürfnis ist es, wertvoll zu sein und etwas zu bewirken. Dieses Gefühl kann ein KI-Dialog, der auf einer Diener-Rolle basiert, nicht erfüllen.

* Scheinfreundschaft: KI-Begleiter bieten Sicherheit ohne das Risiko einer echten Beziehung, aber damit auch ohne deren Tiefe.



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