Wie fühlt es sich an, wenn einer, der in musikalisch-poetisch-philosophisch höheren Sphären zu Hause ist, in die Niederungen des Alltags hinabsteigt und sich ausnahmsweise mal mit normalen Menschen abgibt? Was bleibt zurück nach Begegnungen mit einem Musiker, der ohne Rücksicht auf das Publikum inmitten einer Band performt, deren Mitglieder keine Ahnung haben, worauf der Leader im Moment gerade hinauswill?
Scarlet Rivera und Rob Stoner, die Geigerin und der Bassist und Bandleader, die Bob Dylan während der Aufnahmen des Albums Desire und auf der Tournee Rolling Thunder Revue vor 50 Jahren begleitet haben, erinnern sich: Es sei wichtig, so Stoner, schnell zu lernen, was man tun und was man lassen soll. Nicht zu empfehlen sei beispielsweise, Bob Dylan Fragen zu stellen. Schon eher müsse man aufmerksam seine Hände und seinen Mund beobachten. Auf dass man keinen Akkordwechsel und kein Phrasierungsdetail verpasse.
Scarlet Rivera, die als 25-Jährige von Bob Dylan von der Strasse weg ins Studio eingeladen worden war, hielt dem enormen Druck, es auf keinen Fall zu vergeigen, stand. Sogar in einer TV-Show durfte sie mit dem Star auftreten. Ein Mini-Livekonzert vor einem Millionenpublikum, ohne vorherige Absprachen, ohne Proben, dafür mit dem Vorschussvertrauen, das Dylan ihr offenbar schenkte. Woher sie das Selbstbewusstsein hatte, dabei nicht die Nerven zu verlieren? „Von meinen Eltern sicher nicht, die glaubten sowieso nicht an mich“, erzählt sie heute mit einem Lächeln. Nein, sie habe es geschafft, weil sie damals von der Provinz nach New York gekommen sei, „um die Welt zu erobern“. Nichts weniger als das!
Stoner und Rivera stehen gemeinsam mit dem italienischen Musiker Riccardo Maccabruni und mit Lukas Langenegger auf der Bühne, der seit drei Jahren ein fester Bestandteil der Dylan Talks ist. Hier die mystische Geigerin, die Dylan-Songs wie Hurricane mit ihrem unverwechselbaren Violinsound geprägt hat, dort der knorrige Bassist, der dafür sorgte, dass der Wanderzirkus der Rolling Thunder Revue mit Stars wie Joan Baez, Joni Mitchell, Roger McGuinn, Ramblin‘ Jack Elliott oder Allen Ginsberg einigermassen auf Kurs blieb. Ein gemeinsamer Auftritt mit Seltenheitscharakter.
Das Quartett spielt einige Songs aus Desire, namentlich Romance in Durango, Mozambique, One More Cup of Coffee und Hurricane, und weiter Señor (Tales of Yankee Power) aus Street Legal. Scarlet Rivera singt zudem zwei ihrer Lieblingslieder von Bob Dylan: Series of Dreams, aufgenommen während der Sessions für Shot of Love, und Not Dark Yet aus dem Album Time Out of Mind. Auch wenn die Stimmen der Senioren gegenüber jenen von Maccabruni und Langenegger hörbar mehr Patina angesetzt haben: Die Interpretationen von Rob Stoner und Scarlet Rivera gehen unter die Haut. Hier erinnern sich zwei, die damals hautnah live dabei waren, an längst vergangene – aber noch lange nicht vergessene – Tage.