J. Gresham Machens „Christianity and Liberalism“ Im Jahr 1923, mitten in der sogenannten Fundamentalist-Modernist-Kontroverse, veröffentlichte der amerikanische presbyterianische Theologe John Gresham Machen ein schmales Buch von kaum 190 Seiten, das wie eine theologische Bombe einschlug: Christianity and Liberalism. Es war keine akademische Abhandlung im engeren Sinn, sondern ein leidenschaftlicher, kristallklarer Kampfschrei. Machens zentrale These ist radikal und bis heute unbequem: Der theologische Liberalismus, der sich in den großen protestantischen Kirchen Nordamerikas (und Europas) ausbreitete, ist keine moderne Spielart des Christentums, kein „aggiornamento“ und kein legitimer Fortschritt, sondern eine völlig andere Religion. Er benutzt zwar christliche Vokabeln – Gott, Jesus, Erlösung, Reich Gottes –, füllt sie aber mit einem Inhalt, der dem historischen Christentum diametral entgegensteht. Was als „liberales Christentum“ auftritt, ist in Wahrheit eine naturalistische, humanistische Ersatzreligion, die das Übernatürliche, die Sünde, das stellvertretende Sühnopfer Christi und die Autorität der Heiligen Schrift leugnet. Deshalb, so Machen, gibt es nur zwei ehrliche Möglichkeiten: Entweder man bleibt beim biblischen Christentum oder man verlässt es offen und gründet eine neue Religion – alles dazwischen ist intellektuelle und geistliche Unehrlichkeit. Der historische und persönliche Kontext John Gresham Machen, geboren 1881 in Baltimore in einer gebildeten presbyterianischen Familie, war ein brillanter Kopf: Klassische Philologie in Johns Hopkins, Theologie in Princeton unter Benjamin B. Warfield, ein Studienjahr in Deutschland bei Herrmann und Harnack – also direkt an der Quelle des liberalen Protestantismus. Genau dieses Jahr in Marburg und Göttingen bestärkte ihn paradoxerweise in seiner Ablehnung. Er sah, wohin die konsequente Anwendung historisch-kritischer Methode und die Unterordnung der Offenbarung unter die moderne Wissenschaft führten: zur Auflösung des Christentums in allgemeine Religiosität. Zurück in Princeton wurde er 1914 Professor für Neues Testament und erlebte, wie die von Warfield und Hodge geprägte „Old Princeton“-Theologie Schritt für Schritt von liberalen Kräften unterwandert wurde. Der Erste Weltkrieg, die Roaring Twenties, der Siegeszug des szientistischen Weltbilds und die wachsende Überzeugung, dass Religion vor allem „praktisch nützlich“ sein müsse, schufen das Klima, in dem Prediger wie Harry Emerson Fosdick offen verkündeten: „Shall the Fundamentalists Win?“ Machen antwortete mit seinem Buch: Nein, aber nur, wenn die Kirche erkennt, dass die eigentliche Frage nicht Fundamentalismus versus Moderne lautet, sondern Christentum versus eine völlig andere Religion. Aufbau und Argumentationsgang des Buches Das Werk ist meisterhaft strukturiert. Nach einer kurzen Präfation und einer Einleitung, in der Machen die Frontlinien zieht, folgen sechs Kapitel, die jeweils eine zentrale Lehrstelle behandeln: Doktrin, Gott und Mensch, die Bibel, Christus, Erlösung, Kirche. 1. Doktrin Gleich zu Beginn stellt Machen die für viele Liberale schockierende Behauptung auf: Christentum ist wesentlich doktrinal. Der moderne Mensch empfindet Doktrinen als lästigen Ballast, als „Theorie“, die dem „praktischen Leben“ im Wege steht. Liberale Theologen erklären daher, dass es auf Glaubensbekenntnisse nicht ankomme, sondern auf „christliche Gesinnung“. Machen zeigt, dass genau dies das Christentum aufgibt. Schon Paulus kämpfte nicht um Moral, sondern um die rechte Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade (Galaterbrief). Ohne klare Lehre gibt es keine klare Botschaft mehr, und die Kirche wird zur beliebigen ethischen Gesellschaft. 2. Gott und Mensch Hier wird der anthropologische und theologische Grundunterschied sichtbar. Das liberale Gottesbild ist im Kern pantheistisch oder deistisch: Gott ist die immanente Kraft im Universum, der „Vatergeist“, der in allen Menschen wohnt. Die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf verschwimmt. Daraus folgt ein optimistisches Menschenbild: Der Mensch ist im Grunde gut, er braucht keine Erlösung von außen, sondern nur Bildung, Erziehung und soziale Reform. Das biblische Christentum dagegen kennt einen heiligen, transzendenten Gott und einen radikal gefallenen Menschen, der ohne übernatürliche Wiedergeburt verloren ist. Ohne das Bewusstsein der Sünde gibt es keine Freude an der Gnade. 3. Die Bibel Der Liberalismus behandelt die Bibel als rein menschliches, fehlerhaftes, zeitgebundenes Dokument. Inspiration wird auf erbauliche religiöse Erfahrungen der Autoren reduziert. Machen verteidigt die klassische reformatorische Lehre von der verbalen Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift – nicht als magisches Buch, sondern als zuverlässiger Zeuge der geschichtlichen Offenbarungstaten Gottes. Ohne diese Autorität hat die Kirche keine feste Grundlage mehr und gleitet in subjektiven Relativismus ab. 4. Christus Das Herzstück. Für den Liberalismus ist Jesus der größte religiöse Genius, der beste Mensch, das vollkommene Vorbild – aber eben nur Mensch. Wunder und Auferstehung werden als mythische Einkleidungen abgetan. Machen zeigt exegetisch und historisch, dass das Neue Testament Jesus als präexistenten Gottessohn und als das Objekt des Glaubens verkündigt. Der entscheidende Unterschied: „Liberalism regards Him as an Example and Guide; Christianity, as a Saviour.“ 5. Erlösung Folgerichtig kann es im Liberalismus keine stellvertretende Sühnung geben. Das Kreuz wird zur tragischen Fehlentscheidung oder zum Symbol selbstloser Liebe umgedeutet, aber nicht mehr als das Gericht Gottes über die Sünde und die Genugtuung für schuldige Sünder verstanden. Erlösung wird zur Selbstverwirklichung oder zur schrittweisen moralischen Besserung der Gesellschaft. Machen betont dagegen die paulinisch-reformatorische Botschaft: Christus starb statt unserer, damit wir durch Glauben gerechtfertigt werden. Ohne dieses „statt unserer“ gibt es kein Evangelium mehr. 6. Die Kirche Am Ende zieht Machen die praktische Konsequenz: Eine Kirche, in der beide Religionen nebeneinander existieren, ist unehrlich. Wer das übernatürliche Evangelium predigt, kann nicht gleichzeitig eine Botschaft unterstützen, die genau dieses Evangelium leugnet. Die liberale Forderung nach „Inklusion“ und „Toleranz“ ist hier nichts anderes als die Forderung, das Christentum aufzugeben. Machen plädiert deshalb – gegen den Zeitgeist – für klare Trennung. Lieber eine kleine, reine Kirche als eine große, faule Kompromisskirche. Die bleibende Sprengkraft der Argumentation Was Machen 1923 beschrieb, liest sich hundert Jahre später wie eine Prophetie. Die großen „mainline“-Kirchen Nordamerikas und Europas, die den liberalen Weg gingen (Presbyterian Church USA, United Methodist Church, Evangelical Lutheran Church in America, Church of Scotland, EKD usw.), haben genau die Entwicklung durchlaufen, die er vorausgesagt hat: dramatische Mitgliederverluste, Verlust der biblischen Lehre, Anpassung an jede neue kulturelle Mode – von der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften über Gender-Theologie bis hin zur Klimareligion. Gleichzeitig sind die konservativen, bekenntnisgebundenen Strömungen (Orthodox Presbyterian Church, PCA, Freie Evangelische Gemeinden, viele Baptisten- und Pfingstkirchen im globalen Süden) vital geblieben oder gewachsen. Besonders frappierend ist, wie Machens Analyse auch auf den he 他utigen säkularen Progressivismus passt. Der „woke“ Zeitgeist ist nichts anderes als der alte theologische Liberalismus, nur ohne christliche Fassade: Der Mensch ist gut, Sünde ist ein Konstrukt der Unterdrücker, Erlösung kommt durch politische und kulturelle Revolution, Schuld wird kollektiv zugeschrieben, Gnade gibt es nicht, nur permanente Anklage. Die Parallelen sind so offensichtlich, dass Carl Trueman in The Rise and Triumph of the Modern Self Machen als einen der wenigen Theologen nennt, die das kommende Unheil bereits 1923 klar erkannten. Kritikpunkte – und warum sie meist ins Leere gehen Kritiker werfen Machen Intoleranz, Fundamentalismus und mangelnde Wertschätzung für soziale Gerechtigkeit vor. Doch das greift zu kurz. Machen war kein obskurer Sektierer: Er war ein gebildeter Neutestamentler, der Altkirchengriechisch fließend sprach, die historisch-kritische Methode kannte und dennoch zu dem Schluss kam, dass ihre radikale Anwendung das Christentum zerstört. Er war kein Gegner sozialer Veramtsarbeit – er gründete selbst eine Sonntagsschule für afroamerikanische Kinder in Princeton –, aber er bestand darauf, dass das Evangelium nicht durch politische Programme ersetzt werden darf. Seine angebliche „Intoleranz“ war nichts anderes als intellektuelle und geistliche Redlichkeit: Wer zwei kontradiktorische Botschaften gleichzeitig predigt, betrügt die Menschen. Fazit Christianity and Liberalism ist kein historisches Kuriosum, sondern ein Buch von brennender Aktualität. Es stellt uns vor die gleiche Alternative wie 1923: Entweder wir halten am übernatürlichen, sündenvergebenden, auferstandenen Christus der Schrift fest – oder wir geben ihn preis und nennen das Ergebnis fortan offen beim Namen: Humanismus, Moralismus, politische Religion. Alles dazwischen ist Selbstbetrug. Machen hat die Konsequenz gezogen und 1929 das Westminster Theological Seminary und 1936 die Orthodox Presbyterian Church gegründet – kleine Pflänzchen, die heute blühen, während die großen liberalen Denominationen verdorren. Sein letztes Telegramm vor seinem Tod am 1. Januar 1937 lautete: „No hope without doctrine.“ Keine Hoffnung ohne Lehre.